Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Auszug
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 164 (sequence 7)
- Language
- German
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164 David K o igen : Mich fröstelte. Die weißen Wände der Synagoge strömten keine physische Wärme aus. Auch sonst blieben mir die zwei bunt gemeißelten mächtigen Löwen, die dort aufgestellt waren, unverständlich. Ich verstand nur, daß es immer eine Synagoge oder eine Kirche ist, zu der wir Menschen uns instinktiv wenden, wenn uns alle anderen Wege versperrt sind. Und als ich die Flüchtlingsschar übersah, die mit ihren Habseligkeiten die weiten Räume der kalten Synagoge erfüllte, dachte ich an den historischen Sinn dieser merkwürdigen Zufluchtstätte. - Irgendwo gebunden und verankert müssen diese dem bösen Zufall ausgesetzten Menschen doch sein. Die Synagoge ist der letzte Ort, wo der fehlende historische Zusammenschluß bewerkstelligt wird. Das geschieht spontan, ohne viel zu fragen oder darnach zu forschen. Noch immer repräsentiert die Synagoge einen unsichtbaren Bund für die wandernde Judenheit, Es dauerte jedoch nur wenige Stunden und die sonderbare Idylle war zu Ende. Irdische Mächte nahmen sich unser an. Das zionistische Komitee wies uns Wohnungen bei den jüdischen Notabein von Sgurizza an. Es ist ein unsichtbares Band, das mich an Bessarabien kettet. Die Ukraine ist zu w^ich und heiter-traurig, Bessarabien aber ist, trotz seiner Milde, voll von starker Luft. Es erschien mir genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. An, Wintertagen — weiße Schneefelder, aber gegelbt von Sonnenstrahlen. Ganze Herden von mächtigen, grau-schwarzen Raben geraten in Wirbel ganz nahe über euer Haupt und erfüllen das All mit sonderbaren Lauten. Aber mir ist nicht bange. Schreit nur weiter, ihr furchtbringenden Vögel! Mich lehrt ihr das Gruseln nicht, meine Treue zu Bessarabien vermögt ihr nicht zu brechen. Nicht anders ist es, als daß ich ein tiefbegründetes Anrecht auf diese rot-gelbe Erde von früher her besitze. Das Land Kanaan, das ich nie mit irdischen Augen gesehen habe, so muß es ausgesehen haben. Ein biblisches Land: Menschen, Pferde, bessarabische Ochsen und Kühe und diese Raben, oben, und erst recht diese gelblich-rote Erde, die Wein zeugt, Tabak hervorbringt und Mais, ganze Felder von gold-gelbem Mais in ihrem Schöße trägt, sie gehören zueinander. Und wenn ich diese breitschultrigen, hochgewachsenen, blonden Juden, die einstigen Kolonisten von Sgurizza, sehe und in ihre hell-blauen Augen schaue und dann ihren langsamen Schritt höre, ihren vertrauten Verkehr mit den Ochsen und Kälbern verfolge, alsdann weiß ich: mit diesem Kanaan bin ich auf heimliche Weise vermählt. Meine Vettern mütterlicherseits, die, wie mir noch aus der Kindheit erinnerlich ist, mit siebzig und mehr Jahren beladen, stramm zu Pferde saßen, stammen aus dieser Gegend. Meine eigene Mutter war noch hier zu Hause. Und wenn man auch draußen, in der Welt, in Vaters Geist und mit seinen Ahnen lebt, die in germanische Lande gezogen und dort gewachsen waren, so kehrt man doch auch einmal bei Mutter ein. Man überspringt die lyrisch tönende Ukraine und man geht über den Dnjestr. Auch hier ist es bunt, wie in der Ukraine, aber doch so ganz anders: mit einem goldgelben Gewand ist alles überzogen, das die Stämme und