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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 163

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 3
Article
Auszug
Date
1921-01-01
Page
163 (sequence 6)
Language
German
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Auszug 163 Die Stube ist inzwischen voll von Schmugglern, die große Gläser Spiritus hinunterschlucken und fürchterlich zanken. Die Uhr schlägt drei und unser Schicksal ist noch immer nicht entschieden. Bald kräht der Hahn und wir sind verloren. Was für Gestalten und was für Wirrwarr von Dialekten. Rumänen, Zigeuner, Ukrainer, Russen und Juden. Man trinkt und man wird endlich einig. Ich höre nur,wie einBursche brüllt:,,Ich liebe eine harteFaust." Hinaus; durch den Garten, und jeder schleppe selber seine Habseligkeiten. Der Dnjestr hat gar keinen Schnee. Seine Ufer sind hoch gelegen und wir rutschen hinunter. Das perlmutter-dunkle Eis schaukelt ein wenig und kracht: trrruuu. Sonst ist es still. Der Mond guckt zögernd aus den leichten Wolken auf eilende und schleichende Menschenkinder' liebevoll herunter. Sie eilen, die furchtsamen, keiner ist mehr zu sehen. Meine Frau und mein Kind bleiben stehen und warten. Hinter uns schreitet langsam und fest, ganz dem Schicksal ergeben, eine einsame Frauengestalt. Ihr folgend schleppt sich auf allen Vieren ein altes bejahrtes Mütterchen. „Wie jeder hier sein Leben in den eigenen Händen trägt" — sagt meine Frau leise zu mir. Wieder ein Schuß. Wir schreiten als letzte, allein auf dem weiten Fluß, upd uns zur Seite leuchtenden Gesichts und schützend, mit ausgestreckten, segnenden Händen schreiten längst dahingegangene freundschaftlich, gesonnene Menschen. Das Eis dehnt sich und kracht: trrruuu, trrruuu . . . Die Luft ist milde, die Nacht ist voll Zauber. Das perlmutter-dunkle Eis des breit ausgedehnten Dnjestr trägt uns immer weiter fort und fort. Ich würde mich nicht scheuen, dies Wunder noch einmal zu erleben. Denkt man an das Freiheitsgefühl zurück, das oben, am anderen Ufer sich unser bemächtigte, so darf man unverhohlen bekennen, es war trotz allem noch zu billig bezahlt. Wieder in Europa, im alten und ewig jungen, bewegungsvollen Europa! Rumänische Gendarmen, Wachtposten der rumänischen Grenze, Bessarabien-Rumänien — alles das hat nichts.zu sagen: Freiheit, Freiheit! Die anderen zeigten Vorsicht. Die Gefahr sei noch nicht ganz behoben. Die rumänische Gewalt sei auch nicht zu verachten! Dies alles wollte uns nicht in den Sinn. Als ob wir von Freunden, die sehnsuchtsvoll auf unsere Befreiung gewartet hätten, empfangen würden, so war uns zumute. Bessarabien lag außerhalb der blinden Revolutionsgewalt und wir waren gewillt, ihm unser volles Vertrauen zu schenken. Bald indessen stellte sich auch bei uns Ernüchterung ein. Vor^ipht blieb geboten, die Dienste der Schmuggler waren auch weiterhin noch nicht zu entbehren. Wir konnten sonst verhaftet und nach dem anderen Ufer zurückgebracht werden. Vor Tagesanbruch, auf verschlungenen Wegen, fuhr uns im Galopp ein Rumäne nach dem Städtchen Sguriza und, ohne uns darnach zu fragen, lud er uns in der großen Synagoge aus. Die Nacht samt ihren Gespenstern und Hexen und auch die göttliche Erhabenheit jenes unvergeßlichen Ganges über den perlmutter-dunklen Dnjestr traten weit zurück. Eine neue, fremde Welt tat sich auf. 11*

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