Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 162

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 3
Article
Auszug
Date
1921-01-01
Page
162 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101189-3101193-3107828--5911-3107877
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

IÖ2 Dayid Koigen: Schenke/' — i,Eh, liebe Rößchen, etwas nach links, nur ganz wenig." — „Halt, wer fährt da?" — Zwei Reiter voran, und ihnen folgen mit Holz beladene Fuhren, Die Reiter gehören sicherlich den Posten, die die Grenze überwachen. Das Herz steht fast stille. — „Wer da fährt, Onkelchen? Eine „Gemeinde" (*,Obtschina") fährt. Ist es noch weit nach Mohilew?" — Ich war starr vor Erstaunen. Das unverständliche, unzulängliche Wort „Gemeinde" wirkte wie ein Zauber. Ah, ah — wie es scheint, irgend eine Behörde. Die Obrigkeit fährt, macht nur Platz, daß sie vorbei kann. — Ruhig, nur weiter. Die Dunkelheit umhüllt uns mit ihren schwarzen Fittichen, wir biegen ins Dorf ein, wir steigen herunter. Lüfte, Lüfte eines unsichtbaren, großen Teiches berühren zärtlich unsere Wangen und Arme, locken uns sachte an sich heran, als ob sie sprechen wollten: „Bei uns findet ihr endlich den Frieden, den ihr so benötigt." Das Schmugglerdorf war wie ausgestorben. Kein Mensch, kein Laut. Ein merkwürdiges Reich der gespensterhaften Ruhe. Nicht mal ein Hund bellte. Nur keinen Argwohn. Die Obrigkeit kann sich zur Ruhe begeben. Die guten Christen alle gaben sich längst dem Schlaf der Seligen hin. Keiner ist gewillt, seinem Nachbar einen Strich durch die Rechnung zu machen. Schlafet wohl, Ihr Söhne eines kühnen Schmugglergeschlechtst Wir suchen und tappen im Dorfe herum. Uns voran der merkwürdige Jude K., ein Eingeborener des Städtchens Dzikowka, der es aus freien Stücken, keinen Nutzen dabei suchend, unternommen hat, der „Intelligenz" auf ihrer letzten gefahrvollen Fahrt das Geleit zu geben. Tore öffnen sich und wir geraten samt unseren Wagen in ein Bauerngehöft. Die letzte Station. Von hier aus gilt es nun tapfer den metaphysischen Sprung ins Jenseits zu tun. Die Uhr weist gegen Mitternacht. Ein Öllämpchen beleuchtet gespensterhaft das benebelte Gesicht einer jungen Frau, die einen Säugling auf den Knien hält. Daneben sehen wir die hagere Gestalt einer alten Bäuerin, die auf dem niedrigen Ofen thront. Ihre schmalen Finger spinnen unaufhörlich an einem sonderbaren Gewand. Ihr Mund ist fest geschlossen, ihre weit aufgetanen leeren Augen scheinen zu sagen: Was hienieden alles geschieht, bemerke ich nicht, ich habe nichts davon gesehen. — Die meisten meiner Gefährten halten es hier nicht aus und hocken lieber draußen in der Kälte. Besonders still sind die Frauen, so still und geduldig und fromm. Sie sind so tief hinabgestiegen, daß sie völlig von einem'leisen göttlichen Hauch umwoben scheinen. Ich allein vermag die Stube nicht zu verlassen. Die Alte hat mich behext. Ich will sie reden hören, will ihr zu Füßen fallen. „Mach auf den Mund, sprich, du verzauberte Hexe: ich bin Odysseus, wohaustmein treues WeibPenelope? Beeile dich, kündemirmeine Stunde! Oder ich zerreiße dir das Gewand da. Zum Teufel die Russen, die Juden samt dem ganzen Europa; ich werde wie euer einer, ein Schmuggler,, ein Räuber, ein Bandit." Es saust das Spinnrad, das gespensterhafte Lämpchen schimmert; die Hexe starrt fort und schauet ins Leere hinein* Ein Schuß. Noch einmal.und noch ein drittesmal. Ich schrecke auf* Das schießen die Posten von drüben, von der rumänischen Grenze her*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.