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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 161

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 3
Article
Auszug
Date
1921-01-01
Page
161 (sequence 4)
Language
German
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Auszug x6i warmen Stuben und unterhielten uns über die Angelegenheiten der Welt und auch über die Schwierigkeiten, uns über die Grenze zu schmuggeln. Mir und meiner Familie war das Zimmer angeboten, wo unlängst, bei einem ukrainischen Einfall ins Land, der Ataman Petljura selber gehaust hatte. Dies sollte uns zu besonderer Ehre gereichen. In Dzikowka verbrachten wir eine ganze Woche. Wir warteten, bis der Dnjestr, der die Sowjetukraine von Bessarabien trennt, sich ganz mit Eis zu bedecken geruht haben würde. Mancher, der darauf nicht Acht gab, ist von seinen Wellen verschlungen worden und kam nie mehr wieder. Um so leichter vermochten wir zu warten, da im Dorf nichts von Kälte und Hunger zu spüren war, zudem nahte auch die heitere Chanukkahfeier, und unsere Gastgeber waren gar freundliche und herzensgute Menschen. Ganz Dzikowka ist von herzensguten Menschen bewohnt, und auch jetzt denke ich an dieses Städtchen, wie an einen schönen Traum zurück. In Wahrheit, wie herrlich sind deine Zelte, Jakob! Der schöne Traum, Dzikowka mit Namen, wurde nur gestört durch häufige Besuche eines „Moskowiters", der sich zum Zweck der Eintreibung der Bauernsteuer hier aufhielt. Er wollte durchaus sich uns anschließen, um so der Sowjetmacht den Rücken zu kehren. Er gab mir zu verstehen, daß er einer bekannten Professoren- und Musikerfamilie in Moskau entstamme und den Bolschewismus satt habe. Wir trauten ihm nicht und suchten im geheimen unsere Abreise zu beschleunigen. Es wurde ganz dunkel, als wir das Städtchen schon, weit hinter uns wußten. Alle waren sichtlich erregt. Das von uns selbst gedichtete und zugleich gespielte Drama schien seine Höhe zu erreichen. Die Blicke bohrten sich tief in die Finsternis hinein und spähten immerfort nach dem Dnjestr aus. Sorgen, schwere Sorgen fielen auf unser Herz und machten uns unerbitterlich den Kopf schwer. Sind die Schmuggler, mit denen wir den Tag hindurch verhandelt haben, zuverlässig; meint es der Bauer, ein früherer Soldat und noch jetzt ein Anhänger der provisorischen Regierung, der uns jetzt fährt, wirklich gut mit uns; und ist der Dnjestr selbst, die Sehnsucht unserer ganzen Fahrt, auch gewillt, uns zu tragen? Ganz in der Nähe tauchen viele, viele Lichter schimmernd auf und dunkeln wieder. Ohne Zweifel ist es jenes Dorf, das dicht den Dnjestr umklammert hält. Keiner wagt ein Wort zu sprechen. Unsere zwei Wagen verlassen das Feld und begeben sich auf den breiten Weg, der nach Mohilew führt. Falls ein Unglück geschieht, ist ja wenigstens eine Ausrede da: nach Mohilew, Onkelchen, nach der großen Stadt Mohilew fahren arme Wanderer, die alles, ihr Hab und Gut, bei einem Brand eingebüßt haben. Noch hundert Schritte und der Weg nach Mohilew muß verlassen werden. Dorthin, wo die Lichter schimmern, müssen wir einbiegen. Sonderbare Gestalten tauchen plötzlich aus der Dunkelheit auf. Alles Kerle, die Waren schmuggeln. — „Guten Abend, Onkelchen!" — „Guten Abend, gutenAbend, gute Leute." — „Im Dorfe da scheint alles xuhig, nur ein paar rote Soldaten sind drin. Die sind wohl jetzt in der Heft 3. II

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