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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 160

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 3
Article
Auszug
Date
1921-01-01
Page
160 (sequence 3)
Language
German
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i6o es sich schon gefallen lassen, am Sabbat die Reise mitzumachen. Das erste, was uns im Städtchen in die Augen fiel, war ein großer Platz, auf dem nur eine hohe Säule emporragte. Sie stellte nichts anderes dar als ein Denkmal, ein ganz eigenartiges, von der Revolution aufgerichtetes Denkmal. Wie, in so einem Judenstädtchen? Dennoch. Da haben die Bauern der umliegenden Dörfer gehaust. Wo die Säule jetzt emporragt, stand früher ein Palazzo des russischen Großgrundbesitzes. Die Bauern haben ihn in Brand gesteckt und den Grund und Boden, der von hier aus verwaltet wurde, unter sich aufgeteilt. Die Säule ließen sie aber als abschreckendes Beispiel, als Erinnerung für die Nachkommenschaft stehen. Die Revolution, zumal die Agrarrevolution ist groß und unerbitterlich im Zerstören! Jetzt liegen die Bauern von Dzikowka, wie überall in der Ukraine, in Fehde miteinander. Ihre Väter hätten ja den Palazzo aufgerichtet, sie auch hätten es zunichte gemacht und sie seien die einzigen, die das ,,Recht" auf den zuständigen Grund und Boden hätten. Ohne ,,Recht" geht es nicht. Selbst im Bösen muß die Rechtsgöttin beistehen. Woher würde sonst der Mensch, auch der in Aufruhr geratene Mensch, die Kraft holen, sein übermenschliches Werk zu vollbringen? Jetzt ist es still im Städtchen. Seit einer Woche keine Garnison mehr. Die bolschewistische Behörde verfolgt den Grundsatz: leben und leben lassen. Hier ist ja kein Moskau und kein Kiew. Des Unteroffiziers Sohn, "der auch im Kriege gefochten hat und erst jetzt nach neuem ,,Revolutionsrecht" acht Desjatin guten Landes sein Eigen nennt, ist der Vorsteher der Revolutionsmacht. Des jüdischen Friseurs Bruder, der sein Leben lang vergebens danach strebte, in eine russische Schule aufgenommen zu werden — numerus clausus! — ist der politische Beirat, und so geht es weiter. Alle Beamte sind einheimische Bauern und auch Juden. Nur wenn es gilt, die Abgaben der Bauern zu erheben, kommen die „Moskowiter*. Meistens werden sie im Dorfe erschlagen. Die eigene Dorfbehörde, obwohl sie aufrichtig bolschewistisch und antizaristisch ist und gegen alle „Bourgeois" wettert, sucht den Fall zu vertuschen. Sie sieht es nicht gerne, wenn „Fremde" sich in ihre Angelegenheiten hineinmischen. Sie wisse schon selbst, was sich für einen Bolschewisten ziemt, sie repräsentiere in eigener Person die Sowjetmacht. In so einem bolschewistisch verwalteten Städtchen kamen wir gerade am Sabbat an, als die Juden in Scharen die Synagoge verließen. Die Sabbatruhe war geradezu mit den Händen zu fassen. Verwundert sahen uns die Juden an. „Ihr habt Glück, die Garnison ist weg." — „Aber Juden, warum faselt ihr denn. Seht ihr denn nicht, daß die Leute ganz erfroren sind!" „Juden, geht nach Hause, heizt tüchtig ein und stellt den Samowar auf! Für Wanderer hat es der Ruw (der Rabbiner) gestattet." Und dann: „Wir besitzen ja, Gott sei Dank, gute Bolschewisten —* der Teufel möge sie doch alle holen — aber, hier an offener Straße stehen, das ist doch gefährlich." Ein jeder lädt ein bis zwei Familien ein. — Ip1 Nu saßen wir, nach geistigem Rang und sozialer Stellung verteilt, in

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