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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 159

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 3
Article
Auszug
Date
1921-01-01
Page
159 (sequence 2)
Language
German
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Auszug Armee stationiert war. Die Kutscher bemerkten gleich den Fehler und gaben vor, die Fabrik aufsuchen zu wollen. Bei der völligen Dunkelheit ist es uns auch gelungen, rasch Kehrt zu machen. Wir liefen zu Fuß den Berg hinunter, stolperten unzählige Male und gingen weiter. Als die Gefahr angeblich vorüber war und wir wieder auf offenem Felde waren — wir waren mit mehreren Fuhren diesmal gegen 80 Personen — erreichten uns vier stark bewaffnete Reiter und geboten uns Halt» Unsere Irrfahrt in der Nähe der mit Soldaten besetzter* Fabrik sollte also nicht ohne Folgen bleiben. Die Wegelagerer, mit geladenen Pistolen in der Rechten, verlangten Beute. Sie waren ungeduldig und ihre Hände zitterten. Die Männer wurden veranlaßt, auszusteigen und bei ihren Wagen zu verbleiben. Weh dem, der es wagen sollte, von seinem Wagen sich zu entfernen! Die Reiter raubten uns gehörig aus. Ich dachter unser sind achtzig, setzen wir uns zur Wehr und überwältigen wir die Banditen! Ich verriet es meinem Nachbar, jener dem nächsten und soging es weiter. Aber alle rieten ab. Ein einziger Schuß, und der Posten,, der nicht einmal einen Kilometer von uns entfernt war, würde herbeieilen; dann aber seien wir alle verloren! Was nicht niet- und nagelfest war, nahmen die Banditen mit. Die Reihe kam an mich. Mir nahm man meine Geldtasche ab und selbst die Pfeife, die mir ein alter ehrwürdiger Freund vor vielen Jahren aus^. London mitgebracht hatte. Ich geriet in Zorn und verlangte meine Pfeife zurück. Die Wegelagerer aber verlangten mehr. Sie wollten meinen Pelz, wie sie das bei anderen Reisegefährten schon fertig gebracht hatten. Ich rief: „Meine Pfeife, ihr Burschen, zurück!" Und sie: „Leg ab den Pelz!" — Sie suchten dann mit den Händen nach dem Pelz zu greifen. Es bildete sich im Nu ein sozialer Verkehr zwischen uns. Eine Forderung wurde mit einer anderen beantwortet, ihrem Angriff folgte - meinerseits ein Gegenangriff; ich wurde laut, ein Bursche hielt mir die Pistole vor die Augen. Ich blieb fest. Meine Reisegefährten,, die gehörig ausgeplündert waren, rieten mir nachzugeben. Ich schrie sie nur an. „Zum Teufel!" — spuckten die Banditen und galoppierten davon. Ich behielt meinen Pelz, und wir durchschritten den verfluchten Zauberkreis. Als ich bereits im Wagen saß, dachte ich unwillkürlich an das große Unbewußte innerhalb der Grenzen des menschlichen Verkehrs. Ich lachte auf und dachte, wie schon wiederholt früher, daran,, daß die größte Gefahr immer noch leichter zu ertragen ist, als die Stunde,, da man sie erst vermutet und darauf wartet. Es regen sich unbewußte Kräfte im menschlichen Leben und es ist ein Wille da, der, durch sie selbst erzeugt und gezüchtet, sie überwindet und zähmt. Ja, es ist ein Wille da und man kann und darf siegen. Oder es steht einem ein Schicksal zur Seite; erst bebt und trauert man innerlich, und dann hilft der gute Gott. Eh, heiter, ihr Rosse, ihr Menschen in Pferdegestalt, regt ihr euch nicht?! — Es war Sonnabend, gegen Mittag, als wir die letzte Grenzstation Dzikowka erblickten. Die frommen Juden, die mit uns fuhren, mußten^

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