Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Auszug
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 158 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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158 DAVID KOIGEN / AUSZUG (Schiuss) Unwillkürlich gerieten wir in die beflügelte Atmosphäre der Palästinafahrer und wurden dann von ihr ebenfalls mitgetragen. Leidenschaft steckt an. Sie ergriff sogar auch die nahe der Grenze stationierende Armee. Gerade am Abend des Tages, an dem wir unsere vorletzte Station in der Ukraine betraten, hielten dort die Heerführer der Roten Armee eine Beratung ab; es wurde inoffiziell beschlossen, den Wanderern keine Hindernisse in den Weg zu legen. Trotz dieser Beschlüsse blieben wir doch wie zuvor Freiwild für alle Wegelagerer jener unruhigen Gegend. Wir saßen wieder eine ganze Nacht in einer mit Bauern, Soldaten und zweifelhaftem Gesindel angefüllten Schenke. Die Hausfrau, eine zänkische und habgierige Jüdin, wünschte uns zu allen Teufeln. Sie fürchtete sich vor der bolschewistischen Behörde. Es bedurfte der Einmischung des Rabbiners samt der einheimischen Zionisten, um uns einigermaßen Ruhe zu verschaffen. Mit Tagesanbruch fuhren wir davon, begleitet von einem trefflichen Menschen, der gegen zwei Stunden unserem Wagen auf dem Felde nachlief. Es bestand nämlich die Gefahr, daß wir nicht den richtigen Weg finden und so in die Arme einer andern stationierenden Armee geraten würden, die ihrerseits gerade den Auswanderern nicht gewogen war. Bei dieser und noch vielen ähnlichen Gelegenheiten drängte sich mir der Gedanke auf, wie gut es sei, daß außer den politisch-administrativen Bestimmungen und Gesetzesverordnungen es noch eine ungeschriebene, „natürliche" Verfassung gibt, die die Beziehungen der Menschen regelt und leitet. Eine unbewußte Sozialität ist es, die in solchen gefahrvollen Lagen sich anstatt der Satzungen einstellt und unser Geschick verwaltet. Die Wissenschaft von dem Bestand und Leben der menschlichen Gesellschaft ist eine Wissenschaft vom sozial Unbewußten — diese mir in den vom Schnee bedeckten Bergen und Tälern Podoliens offenbarte Erkenntnis schien mir so wahr und wichtig zu sein, daß ich eine Zeit lang von der Überzeugung getragen wurde, mir könne nichts Böses passieren: ich sei ja berufen, jene „bedeutende" Erkenntnis in all ihren Konsequenzen den Menschen und vor allem den zuständigen Wissenschaftlern mitzuteilen. Schaue ich jetzt auf jene vollwertigen Tage zurück, so beginne ich zu verstehen: das Erlebnis einer auf so sonderbare Weise gewonnenen Erfahrung war so groß und stark, daß ich an seine schützende Macht zu glauben genötigt war. Bald sollte sich auch für jene Erkenntnis die Gelegenheit bieten, die Feuerprobe zu bestehen. Es war gegen Abend, wir fuhren an einer mit Soldaten besetzten groß* angelegten Zuckerfabrik vorbei. Plötzlich wurde es so schnell und tief dunkel, wie es sonst nur im Gebirge geschieht. Wir verloren den richtigen Weg und kletterten einen Berg hinauf, wo ein Posten der Roten