Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Ostgalizien
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 154 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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154 Berl Locker: einsetzte» in Gestalt des Zionismus, des Sozialismus und der Vermählung dieser beiden Ideen, des Poale-Zionismus, und die jüdischen Massen zu politischer Aktivität aufrüttelte. Es ist nicht hier der Ort, die tiefen sozialen Ursachen dieses Prozesses im Zusammenhang mit dem nationalen Erwachen der geschichtslosen Nationen überhaupt als Begleiterscheinung der kapitalistischen Entwicklung zu schildern. Nur die Tatsachen seien kurz charakterisiert: die ehemals einförmige osteuropäische Judengasse ist der kapitalistischen Zersetzung erlegen und zum Schauplatz des Klassenkampfes geworden. Das Leben des Volkes ist auf teilweise neue Grundlagen gestellt. Noch bildet die Religion für große Massen das wichtigste -Merkmal ihrer Volkszugehörigkeit und den lebendigsten Ausdruck ihres nationalen Lebens. Aber schon ist die einstige Einseitigkeit überwunden, eine weltliche jüdische Kultur reift heran, eine moderne Literatur in jüdischer und hebräischer Sprache, eine politische Tages- und Wochenpresse, politische Parteien und Organisationen des Bürgertums und des Proletariats, Gewerkschaften, Kulturinstitutionen usw. Die großen Massen der Arbeiter, Kleinbürger und verwandten Schichten fordern Anteil und Mitbestimmung an den inneren Angelegenheiten der Nation und an den allgemeinen Angelegenheiten des Landes. Das Volk ist entschlossen, seine Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, die Fragen seines inneren Lebens, der Erziehung und Kulturarbeit, der wirtschaftlichen Umschichtung und Zuführung zu produktiven Berufen, der Kolonisation und der Auswanderung usw. durch demokratisch gewählte Körperschaften und Institutionen selbst zu regulieren. Es verlangt vom Staate die Anerkennung seiner Existenz, die rechtliche Fixierung seiner Selbstverwaltung in seinen inneren Angelegenheiten, die Garantierung seiner entsprechenden Vertretung in allen Vertretungskörperschaften, die volle Respektierung der bürgerlichen Rechte seiner Angehörigen, die Berücksichtigung seiner sprachlichen Bedürfnisse im öffentlichen Leben. Kurz, es verlangt die Rechte einer nationalen Minderheit. Die polnische Gesellschaft, die in ihrer Mehrheit noch nicht zu einer vernünftigen Behandlung des Minoritätenproblems in ihrem Staate erwachsen ist, steht diesen Forderungen der jüdischen Minderheit verständnislos gegenüber. InOstgalizienwurde diese Gegnerschaftnochdurch dieTatsache verstärkt,daß die Juden hier das Zünglein an der Wage im Kampf der beiden Hauptnationen bilden. Solang es den Polen gelingt, die Kraft dieser Zahl für sich auszunützen, bilden sie eine Minorität von 38% anstatt ihrer wirklichen Stärke von 25%. Die örtliche Verteilung der Juden verstärkt diese Sachlage noch ungemein. So war die politische Gefolgschaft der Juden von allem Anfang an eine wichtige Bedingung für die Hegemonie der Polen und wurde es um so mehr, je stärker die politische Entwicklung die reinen Klassenprivilegien der Schlachta untergrub und die Macht der Zahl sich auch in diesem Lande durchzusetzen begann. Man begreift daher die rücksichtslose Hartnäckigkeit, mit der die polnischen Machthaber das jüdische Opfer festhielten, aber ebenso, daß alle ihrer Verantwortung bewußten jüdischen Politiker Galiziens, seit dem Beginne des politischen Erwachens der jüdischen Massen, die