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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 153

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 3
Article
Ostgalizien
Date
1921-01-01
Page
153 (sequence 8)
Language
German
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Ostgalizien ukrainischen Kampf ausgefüllt. In unausgesetztem zähen Kampfe, in großzügiger wirtschaftlicher, kultureller und politischer Organisationsarbeit haben die Ukrainer sich eine achtenswerte Stellung errungen. In den schlimmsten Zeiten der Unterdrückung ihrer Nation jenseits der Grenzpfähle durch den Zarismus haben sie Ostgalizien zum Hauptzufluchtsort des ukrainischen nationalen Gedankens, zum ukrainischen Piemont gemacht. Die Besten aus den Reihen der verfolgten Intelligenz haben sich nach Galizien hinübergerettet, um von hier aus für die Idee der Erneuerung der Ukraine zu wirken. Am Vorabend des Weltkrieges hatten die Ukrainer Ostgaliziens bereits ein ansehnliches Stück Weges zum Ziel ihrer nationalen Gleichberechtigung im Lande zurückgelegt. Aber von der vollen Gleichwertigkeit mit der polnischen Nation waren sie noch weit entfernt. Selbst das gleiche Parlamentswahlrecht von 1906 brachte ihnen nicht eine ihrer Zahl entsprechende Vertretung, sondern sicherte den Polen vermittels einer speziell konstruierten Wahlkreiseinteilung, die dann noch durch alle erdenklichen Mittel der Wahlmache ergänzt wurde, fast dreimal soviel Mandate wie den Ukrainern. Und als es im Jahre 1914 zwischen beiden Völkern zu einem Teilausgleich betreffs einer neuen Landtagswahlordnung kam, mußten die Ukrainer statt 42% der Mandate sich mit 27% und einer entsprechend reduzierten Vertretung im Landesausschuß und den verschiedenen Kommissionen begnügen und so gleichsam selbst die Ungleichheit ihrer Nation gesetzlich festlegen helfen. Die Judenfrage. Seitdem das Land unter die Herrschaft Österreichs kam, ist es das traurige Schicksal der Juden, dieses schwächsten Teiles der Bevölkerung, gewesen, von den jeweiligen Machthabern als unfreiwilliges Werkzeug für ihre Zwecke mißbraucht zu werden. Der aufgeklärte Absolutismus Josefs IL raubte ihnen die letzten Reste ihrer national-religiösen Autonomie, die sie aus dem alten Polen noch herübergerettet hatten, ließ sie weiter im Zustande der bürgerlichen Ungleichheit \und versuchte durch Mittel des Zwanges, sie in ein deutsches Element, in ein Mittel für ihre Germanisierungspolitik zu verwandeln. Bei der Liquidierung der Germanisierungspolitik und der Stabilisierung der polnischen Vorherrschaft im Lande wurden die Juden als Ausbeutungsobjekt den Erben des bisherigen Regimes zur politischen Nutznießung ausgeliefert. Dieselben Intellektuellen und Plutokraten, die bisher der Germanisierungspolitik der Wiener Zentralregierung gedient hatten, vollzogen sehr rasch die Schwenkung vom Deutschtum mosaischer Konfession zum Polentum mosaischer Konfession und wurden zum Werkzeug der polnischen herrschenden Kreise. Die Massen wurden von den „Führern" einfach für persönliche Vorteile und politische Karriereinteressen verschachert. Wirtschaftlich verarmt, politisch entrechtet, kulturell verwahrlost waren sie lange Zeit zu keinem Widerstande irgend welcher Art fähig. Bis der große Erwachungsprozeß, der im ganzen Osten Europas die jüdischen Massen ergriffen hatte, auch hier

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