Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Ostgalizien
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 152 (sequence 7)
- Language
- German
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Berl Locker: wurde zu den Ämtern nicht zugelassen, die ukrainische Sprache verdrängt, das ukrainische Schulwesen gegenüber dem polnischen arg zurückgesetzt. Im Jahre 1904 gab es zwar in Galizien 2231 ukrainische Volksschulen, d. s. fast 49% aller Volksschulen. Es überwogen jedoch die ein- und zweiklassigen Schulen. Denn im ganzen gab es 3689 ukrainische Volksschulklassen, während die Polen bei einer nicht viel größeren Anzahl von Schulen 7218 Klassen besaßen. (Allerdings muß man bedenken, daß damit auch das Bildungsbedürfnis der jüdischen Bevölkerung befriedigt werden sollte, da es jüdische Staatsschulen überhaupt nicht gab.) Die Tatsache, daß die Ukrainer vorwiegend eine Dorfbevölkerung sind, genügt nicht, um diesen in die Augen springenden Unterschied völlig zu erklären. Aus dieser Vernachlässigung des Volksschulwesens erklärt sich auch die große Zahl der Analphabeten. Im Jahre 1900 betrug der Prozentsatz an männlichen Analphabeten: im Alter von 12—21 22—31 32—4.1 42—51 bei den Polen . * . 28 33 39 43 bei den Ukrainern . 57 62 77 82 Noch viel ungünstiger sind die Verhältnisse auf dem Gebiete des mittleren und höheren Schulwesens. Die Polen besaßen (nach dem Stande von 1909/10) 62 Staatsgymnasien, 13 Realschulen, mehrere Handels- und Gewerbeschulen, Lehrerbildungsanstalten, zwei Universitäten (Krakau und Lemberg), eine technische Hochschule in Lemberg, eine Bergakademie und eine Handelsakademie in Krakau. Dagegen hatten die Ukrainer bloß 6 Staatsgymnasien (daneben 12 Privatgymnasien), ukrainische Abteilungen in den utraquistischen Lehrerbildungsanstalten Ostgaliziens, und einige Katheder an der Lemberger Universität. Keine Realschule, keine Fachschulen, von Hochschulen schon gar nicht zu reden. Um jedes Gymnasium, wie überhaupt um jede Konzession auf dem Gebiete des Bildungswesens mußten sie schwere Kämpfe mit der polnischen Landtagsmajorität ausfechten. Jahrzehntelang kämpften sie vergebens um die Errichtung einer ukrainischen Universität in Lemberg. In der politischen Verwaltung, den Landes - behörden, dem Gerichtswesen ist das polnische Übergewicht noch viel größer. Noch wichtiger aber ist, daß die Ukrainer in ihrem Kampf um die soziale Emanzipation und nationale Gleichheit fast die ganze polnische Gesellschaft geschlossen hinter der Schlachta gefunden haben. Nicht einmal die polnische Sozialdemokratie (P. P. S.) konnte sich ganz von dem Gedankender Superiorität des Polentums befreien. Alle anderen Parteien, die bäuerlichen eingeschlossen, die sonst mit der Schlachta in unversöhnlichem Kampfe standen, vergaßen ihre Gegensätze, wenn es sich um das „nationale Interesse", d. h. um die Aufrechterhaltung der polnischen Herrschaft in Ostgalizien handelte. Es ist doch charakteristisch, daß gerade Unter der polnischen Landbevölkerung Ostgaliziens die Nationaldemokratie, die Partei der extremsten antiukrainischen Scharfmacherei, den größten Anhang gefunden hat. So waren die knappen 5 Jahrzehnte seit dem Ausgleich von 1869 bis zum Kriege durch den immer hartnäckiger und schärfer werdenden polnisch-