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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 151

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 3
Article
Ostgalizien
Date
1921-01-01
Page
151 (sequence 6)
Language
German
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Ostgalizien. Sprache als obligatorischer Gegenstand in den (damals deutschsprachigen) ostgalizischen Gymnasien eingeführt, ja die Lemberger Universität erhielt zwei ruthenische Katheder. Von ähnlichen Konzessionen an die Polen war keine Rede. 1847 wurde sogar die administrative Teilung Galiziens in Ost- und West-Galizien gemäß den Wünschen der Ruthenen ausgesprochen. So war der österreichische Zentralismus, freilich nur im Interesse seiner eigenen Politik, in gewissem Sinne Geburtshelfer des nationalen Erwachens der ruthenischen (ukrainischen) Nation. Die von polnischer Seite oft aufgestellte Behauptung, der österreichische Absolutismus habe die ruthenische Nationalbewegung künstlich erzeugt, ist jedoch eine sinnlose Legende. Von der anderen Seite ließ die Schlachta kein Mittel unversucht, um diese Bewegung im Keime zu ersticken. Ihr Führer Goluchowski, der während der ersten, vorläufig noch vorübergehenden Periode des Länderförderalismus Statthalter und Innenminister war, verstieg sich sogar zum Versuch, die Ruthenen zur Aufgabe ihrer cyrillischen Schrift zu zwingen. So kam es, daß die Ruthenen in den Anfängen ihres nationalen Erwachens im österreichischen Zentralismus ihren Hort und Schutz erblickten und oft zum Werkzeug der vormärzlichen Reaktion wurden. Dieser Zustand dauerte (mit verschiedentlichen Schwankungen) bis zum Anbruch der konstitutionellen Ära, der mit dem Ende der starren Germanisierungspolitik zusammenfällt. Durch den österreichisch-polnischen Ausgleich von 1869 wurde Galizien der, polnischen Schlachta ausgeliefert. Was das für die Bevölkerung, und insbesondere für die ukrainische in sozialer Beziehung bedeutete, wissen wir schon. In nationaler Hinsicht hieß es für sie: Stabilisierung der polnischenVorherrschaft. Polnisch wurde zur herrschenden Sprache im Lande erhoben, Schulwesen, Gerichtswesen und Verwaltung wurden polemisiert, alle Ämter mit Polen besetzt. Der mit der Machtfülle eines Satrapen ausgestattete Statthalter war immer ein Vertrauensmann der Schlachta. Die Wahlgesetze zum Landtag und Reichstag verwandelten die ukrainische Repräsentanz zur machtlosen Minderheit, und zur Not halfen die berüchtigten „galizischen Wahlen" nach1). Die ukrainische Intelligenz - *) ,,. . . von einem völligen Mangel des Denkens an das Morgen zeugt die Politik der herrschenden polnischen Mehrheit. . . Die Orgien der Wahlmißbräuche, welche das (polnische) Zentralwahlkomitee bei den Wahlen 1895, 1897 und in den folgenden Jahren verebte, finden ihresgleichen höchstens in der Geschichte Serbiens und Bulgariens. Wenn die Klagen der Ruthenen nur die halbe Wahrheit enthielten — und sie sind leider durch sehr reale Tatsachen beglaubigt — wird kein gewissenhafter Historiker die Schande dieser Momente von den Häuptern derjenigen, die sie verursacht haben, wegzuwaschen vermögen. Die Zahl der ruthenischen Vertreter im Parlament und Landtag sank auch zu einer Ziffer herab, die nicht einmal zur Einbringung einer Interpellation oder eines Antrages genügte. Die Zahl der polnischen und ruthenischen Einwohner in Galizien ist ungefähr gleich . . aber die der polnischen Abgeordneten betrug in der parlamentarischen Kadenz 1901—07 siebzig, die der ruthenischen 8." Ferner: „. . . die galizischen Wahlen erlangten eine äußerst traurige, die ganze Nation kompromittierende Berühmtheit, es entstand eine Stimmung, die einem dem oberflächlichen Beobachter erloschen scheinenden Vulkan glich; der nationale Antagonismus, unter welchem der ökonomische sich barg: der Interessengegensatz des ostgalizischen Schlachtzizen und des Bauern vertiefte sich in früher unbekanntem Umfange." Feldmann, a. a, O, S. 339.

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