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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 150

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 3
Article
Ostgalizien
Date
1921-01-01
Page
150 (sequence 5)
Language
German
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Berl Locker: Der Übergang von der Landwirtschaft zu Industrie und Handel vollzieht sich somit bei den Ukrainern ziemlich langsam. Von je iooo in der betreffenden Berufsgruppe Beschäftigten waren i. J. 1900 Ukrainer Polen Juden Landwirtschaft .......771 205 19 Industrie .......... 175 417 387 Handel und Verkehr . . . . . 81 174 740 Öffentl. Dienst und freie Berufe 206 522 255 Die Ukrainer bilden also nur in der Landwirtschaft die, freilich überwiegende, Mehrheit, dagegen spielen sie in Industrie und Handel eine sehr untergeordnete Rolle. In der Industrie halten sich Juden und Polen fast das Gleichgewicht, während erstere im Handel, letztere im öffentlichen Dienst stark überwiegen. Mit anderen Worten: noch mehr als in den Siedlungsverhältnissen äußert sich im Wirtschaftsleben der national gemischte Charakter Ostgaliziens. Die Landwirtschaft ist charakterisiert durch den polnischen Großgrundbesitz, aber auch sonst bilden hiej die Polen einen erheblichen Faktor. Industrie, Handel, öffentlicher Dienst, freie Berufe haben ihre Hauptträger in den nationalen Minderheiten, die damit dem Lande auch kulturell ihren Stempel aufdrücken1). Der polnisch-ukrainische Kampf. Als bei der ersten Teilung Polens Ostgalizien an Österreich fiel, waren die Ruthenen (Ukrainer) eine geschichtslose Nation. Jahrhunderte lange Fremdherrschaft hatte dem Volke die höheren sozialen Schichten, den Adel, das dünn gesäte Bürgertum, ja selbst die Geistlichkeit abtrünnig gemacht. Sie alle hatten sich der herrschenden polnischen Nation angeschlossen, deren Sprache und Kultur angenommen. Die große graue Bauernmasse, die unter dem schweren Drucke der Leibeigenschaft ächzte, blieb sich selbst überlassen und vegetierte in Analphabetismus und geistiger Abstumpfung dahin. Einzige Trägerin lebendiger Staatstraditionen und -aspirationen im Lande war die polnische Schlachta. Der josefinische und nach josefinische Zentralismus und die damit verbundene Germanisierungspolitik waren deshalb in erster Linie gegen das in dieser Klasse verkörperte Polentum gerichtet. Sie benützten den sozialen Gegensatz zwischen Bauerntum und Schlachta in geschickter Weise. Josef II. hob 1782 die Leibeigenschaft auf, 1848 wurde die Grundentlastung von der Wiener Regierung gegen den Widerstand der Schlachta durchgeführt. In Ostgalizien suchte die Regierung den tiefen Gegensatz zwischen der polnischen Herrenklasse und dem ruthenischen (ukrainischen) Bauern auszunutzen, indem sie diesem auch auf nationalem Gebiete gewisse Konzessionen machte. So wurde schon in den vierziger Jahren die ruthenische Sprache in den Schulen zugelassen, 1848 wurde diese 2) Von hervorragender Bedeutung ist das Petroleumgebiet von Boryslaw-Tustanowice, in welches lange vor dem Kriege französisches, englisches, belgisches und westösterreichisches Kapital eingedrungen war. Bloß ein Fünftel des Kapitals war polnisch. Aber unter den in diesem wichtigen Wirtschaftszweig sowohl in leitender -Stellung als auch als Arbeiter und Angestellte Beschäftigten nehmen die Polen den ersten Platz ein (1900 übe* 60%; dann erst folgen die Ukrainer mit 22% und die Juden mit 16%).

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