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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 149

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 3
Article
Ostgalizien
Date
1921-01-01
Page
149 (sequence 4)
Language
German
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Ostgalizien 149 Harmonie mit dem westösterreichischen Kapital, das in Galizien vor allem das Hinterland für den Absatz seiner Waren sah, suchte die Schlachta mit Erfolg die Entwicklung der Industrie zu hintertreiben, weil diese ihr die billige Arbeitskraft des proletarisierten Bauern hätte entziehen können* Wenn man von den Kohlengruben und den Salzbergwerken Westgaliziens und von der Petroleum- und Erdwachsproduktion Ostgaliziens absieht, deren sich das ausländische Kapital annahm, ist die Branntweinbrennerei die einzige größere Industrie Galiziens. Diese aber liegt in den Händen der Schlachta. In Ostgalizien nimmt der Gegensatz zwischen Bauerntum und Großgrundbesitz einen spezifischen Charakter an. Fast der gesamte Großgrundbesitz ist polnisch. Einen ukrainischen Großgrundbesitz gibt es fast überhaupt' nicht. Der Gegensatz zwischen dem Kleinbauern und dem Großgrundbesitz erhält auf diese Weise wie so oft in Osteuropa einen ausgesprochen nationalen Charakter. Es wiederholt sich hier die alte Erfahrung, daß dieser Umstand den Klassengegensatz außerordentlich verschärft. Innerhalb der gesamten galizischen Schlachta nimmt der ostgalizische Zweig eine besondere Stellung ein. „Die Podolaken'* — schreibt Feldmann — „repräsentieren den Großgrundbesitz wie zerstreute Inseln im Ozean der ruthenischen Bevölkerung. Das sind vorwiegend Nachkommen der polnischen Kolonisatoren, die sich seit 500 Jahren in Ruthenien eingenistet haben und dort eine Politik treiben, von welcher bisher keine der beiden Nationen, noch auch die europäische Kultur irgendeinen Nutzen hatte." *) Dieser polnische Adel Ostgaliziens ist der rücksichtsloseste Verteidiger der feudalen Interessen und Privilegien und hat die traditionelle Verachtung für die fremdsprachigen Hintersassen durch Jahrhunderte ungeschwächt bewahrt* . Er hat es verstanden, seinem Klassenegoismus ein nationales Mäntelchen umzuhängen und seinen Kampf gegen die landhungrigen ukrainischen Bauern als Verteidigung des polnischen Besitzstandes hinzustellen. Und darin fand er weitestgehendes Verständnis bei der gesamten polnischen Gesellschaft, vor allem bei der Bourgeoisie und der Bürokratie, die zwar in einzelnen Fällen mit der Kampfesweise und Taktik der Podolaken unzufrieden sein mochte, aber doch den Gedanken billigte, daß womöglich kein Stückchen „polnischen" Bodens in ukrainische Bauernhände übergehen darf, und mit zäher Hartnäckigkeit die von der Schlachta errichtete Vorherrschaft der polnischen Minorität in Ostgalizien verteidigte. Der Anteil derNationen am sonstigen Wirtscha ftsleben. Die Ergebnisse der Berufszählung von 1910 sind leider nur in großen Umrissen für ganz Galizien veröffentlicht. Immerhin erfahren wir, daß von der ukrainischen Bevölkerung nicht weniger als 90,25% in der Landwirtschaft beschäftigt waren (Polen 72,34%, Juden 10,72%), während Industrie und Handel zusammen keine 6% beschäftigten (Polen 17%, Juden 77%). Im Jahre 1900 lebten noch ungefähr 94% der ukrainischen Bevölkerung von der Landwirtschaft und 3% von Industrie und Handel. l) Wilhelm Feldmann, Politische Parteien u. Programme in Galizien (poln.) I, S. 228.

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