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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 139

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 3
Article
Thorastudium und Berufsarbeit
Date
1921-01-01
Page
139 (sequence 6)
Language
German
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Thorastudium und Berufsarbeit 139 Thorastudiums als einen Torso erklärt, der der Ergänzung bedürfe. Damit ich diese Forderung nicht wörtlich auffasse, heißt es außerdem noch: „Du sollst dein Getreide einsammeln zur rechten Zeit", „Du sollst die Thora so pflegen, daß du dabei noch deinem Berufe nachgehen kannst"1). Dem Rabbi Ismael aber folgte die Lehre, wie die Übung des Lebens. Denn der Talmud bekundet: „Viele haben getan wie Ismael, und es ist ihnen geglückt, viele wie Simon ben Jochai, und es ist ihnen nicht geglückt." Und somit ist der Streit der beiden Lehrer ein Zeichen der Zeiten. Sie sprachen nur die Sorgen aus, die das Volk beschäftigten, als sich viele abmühten um die rechte Grenze zwischen dem Felde der Ewigkeit und dem der Stunde, zwischen der Thora und dem Derech erez; Das Judentum aber ist beiden gerecht geworden. Die großen Tanaiten und Amoräer. haben die Arbeit geliebt und ein Handwerk getrieben. Unter den heiligen Männern, von denen die Sage uns erzählt, und deren Gedächtnis im dritten Abschnitt des talmudischen Traktats Taanith uns überliefert ist, vor deren Gebet der Himmel sich öffnete, sind Taglöhner, die in Wind und Wetter auf dem Felde hacken und graben, die den Gruß der Wanderer nicht erwidern, weil ihre ganze Zeit ihrem Dienstherrn gehöre2). Und die großen Schöpfer des Talmud haben auch dafür gesorgt, daß der Sorge um Auskommen und Unterhalt ihr Recht werde. In Babylon hat Raba die Bauern, die bei ihm lernen wollten, nach Hause geschickt: „Ich bitte euch, erscheinet nicht im Nissan und nicht im Tischri vor mir, damit ihr nicht das ganze Jahr über in Nahrungssorgen seiet!" Im Talmud steht diese Geschichte unmittelbar hinter der Deutung des Simon ben Jochai, jener Forderung nach unbedingtem, ausschließlichem Talmudstudium ohne Rücksicht auf Saat und Ernte, und sie enthält wohl das Urteil des Talmud über diesen Anspruch. Das Religionsgesetz aber, die Halachah, hat ausdrücklich die Pflicht zum Thorastudium bemessen und begrenzt, und fast den ganzen Tag für die Berufsarbeit freigegeben. Man soll zwei Halachoth am Morgen und zwei am Abend lernen, sagt die Mechiltha3). Dann wird das dem Menschen angerechnet, als ob er die ganze Thora erfüllt hätte." Die Halachah begnügt sich also im Notfalle mit einer symbolischen Andeutung des Studiums, und auch gegenüber der starken Forderung, die durch den großen Einsiedler Simon ben Jochai vertreten wird, behält auf dem Boden der Religion und des religiösen Gesetzes selber die Berufsarbeit ihr volles Recht und ihre ganze Würde. Ein Denkmal dieses Religionsgesetzes aber ist bis auf den heutigen Tag unser jüdisches Gebetbuch. Denn dieses enthält nicht nur Gebete der mannigfaltigsten Art, sondern auch zahlreiche Lehrstücke aus der Thora, aus der Mischnah und anderen Urkunden der mündlichen, und dei^ schriftlichen Lehre. Wer sie liest, hat daher mit seinem Gebete zugleich auch der Pflicht des Thorastudiums bis zu einem gewissen Grade Genüge geleistet. In alter Zeit nahm das Studium im Rahmen des "T~Ber. 35b. 2) Z. B. Abba Chükijah Taanith 23a. 3) Zu II. B. M. 16, 4.

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