Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 3 · p. 136

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 3
Article
Thorastudium und Berufsarbeit
Date
1921-01-01
Page
136 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
100% known words query
IRI
…/3101111-3101189-3101193-3107825--5882-3107851
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

136 Max Eschelbacher: und hatten keinen Beruf, sie lernten nur Thora und unterbrachen ihr Studium nur, wenn sie beteten. Ihre Nahrung kam ihnen wie einst dem Propheten Eliah durch ein Wunder. In der Höhle entsprang ein Quell, und vor ihrem Eingang wuchs ein Feigenbaum auf, davon lebten sie. Endlich, als zwölf Jahre verstrichen waren, erschien an der Pforte der Prophet Eliah und verkündete den beiden, der Kaiser sei tot, und sie dürften wieder in die Heimat zurückkehren. Auf dem Heimweg sahen sie nun wieder die Welt, die ihnen lange fremd geworden war, Bauern hinter dem Pflug, Handwerker in der Werkstatt, aber der alte Rabbi betrachtete ihr Treiben mit bitteren Gedanken. „Diese da lassen das Leben der Ewigkeit und beschäftigen sich mit dem Leben der Stunde." Und jeder Raum, den sein Blick traf, wurde versengt. Da erscholl eine Stimme vom Himmel: „Seid ihr gekommen, meine Welt zu verwüsten? Geht zurück in eure Höhle!" Die Mirakel, die hier erzählt werden, sind nicht das eigentlich Wunderbare an dieser Legende. Aufs Höchste aber fesselt uns das Urteil des alten Rabbi über die Menschen im Berufe. „Sie lassen das Laben der Ewigkeit und beschäftigen sich mit dem Leben der Stunde." Simon ben Jochai war nicht der einzige, der so gesprochen hat. Es hat Zeiten gegeben, in denen viele an die Kluft zwischen Zeit und Ewigkeit, an den Gegensatz zwischen Thora und Beruf geglaubt haben, und ein Lehrer des babylonischen Talmud sagt ausdrücklich: Viele haben getan, wie Simon ben Jochai1). So ist die Legende ein merkwürdiges Zeugnis für Strömungen, die, unserem Wesen wohl fremd, dennoch sich in unserer Mitte geregt haben und immer wieder regen können. Das Unwahrscheinliche und Überraschende ist hier zur Wirklichkeit geworden. Aus reiner Frömmigkeit wendet sich ein großer Geist und ein tiefes Gemüt von Arbeit und Beruf ab, und in der festen Überzeugung von seiner Pflicht gegen die Ewigkeit verwirft er den Beruf mit seiner Arbeit, seinen Sorgen und Freuden. An dieser denkwürdigen Stelle hören wir nichts mehr von demBunde zwischen Thora und Beruf, sondern hier wird die Brücke zwischen diesen beiden Ufern abgebrochen. Welch ein Unglück, wenn er recht hätte! Dann wäre Studium und Forschung und religiöse Versenkung dem Menschen im Beruf unzugänglich und „vorbehalten für die, die das Manna genießen (das heißt, die von Wundern leben), oder für die Priester, die die Terumah verzehren" (das heißt, die vom Altar ihren Unterhalt beziehen). So drückt einer unserer ältesten Bibelkommentare, die Mechiltha2), das schwere Problem aus, und sie legt auch diesen Ausspruch dem Simon ben Jochai in den Mund. Der Talmud berichtet von Gesinnungsgenossen des Simon ben Jochai unter den Rabbinen, die ebenso dachten wie er und ihre Überzeugung womöglich noch entschiedener zur Geltung brachten. Ja, diese Richtung auf das ewige Leben hatte unter Umständen merkwürdige Äußerungen zur Folge. Sie tritt nämlich in einer Gegnerschaft gegen gewisse Formen des Gebetes zu Tage. Eine eigentümliche Talmudstelle 8) berichtet: „Raba *) Ben 35b. 2) Zu II.B.ÄÄ., Kap. i6t V. 4. 3) Sabbat 10a,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.