Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Thorastudium und Berufsarbeit
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 135 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Thorastudium und Berufsarbeit 135 übrig blieb, wenn das Gebet verstummt und nur noch die Arbeitslust den Menschen bewegt, dann ist in dem Dilemma „Religion oder Beruf" die Religion unterlegen. Wir können diesen häufig vorkommenden Seelenzustand nur als eine Verkümmerung und Entartung des Menschen bezeichnen. Als solcher war er auch schon der Bibel bekannt und so wurde er von ihr eingeschätzt. Sie zeigt uns ja schon den reinen Arbeiter in seiner Fron. „Es kamen Mose und Aharon zu den Kindern Israel, aber sie hörten nicht auf sie vor Kürze des Odems und vor schwerer Arbeit." Es ist uns nicht bekannt, daß im Judentum diese unbeschränkte Hörigkeit gegenüber dem Beruf jemals anders aufgefaßt oder daß sie gar religiös irgendwie gerechtfertigt oder anerkannt worden wäre. Anders steht es mit der zweiten Möglichkeit, der Abkehr vom Berufe im Namen der Religion. Seltener vorkommend ist auch sie immer und immer wieder verwirklicht worden. Wer ganz im Reiche .der Ewigkeit lebt, sieht die Erde unter sich versinken. Vor der Unendlichkeit wird die Welt klein. Aus lauter Sehnsucht nach dem Ewigen, aus lauter Glück mit Ihm vereint zu sein, aus der Angst, sich und Gott zu verlieren, vielleicht auch aus Geringschätzung gegen die Welt und ihre Geschäftigkeit verwirft dann der Eremit, der Anachoret die Arbeit als ein niederes Geschäft, das den Menschen nur von seinem wahren Ziele abzieht und die Erkenntnis Gottes hemmt. „Wen habe ich im Himmel, und wenn ich nur Dich habe, begehre ich nichts auf Erden." Dieses Glück kann den Menschen so überwältigen, daß er auf den Gewinn der Welt und damit auch auf Beruf und Arbeit verzichtet. Uns fremd, aber großartig kann dieser Rückzug aus der Welt in aller seiner Schroffheit ein mächtiges Sinnbild für die Macht sein, mit der reine Religion den Menschen zu ergreifen imstande ist. Auch die Geschichte des Judentums weiß von dieser Flucht aus der Welt zu erzählen. Sie war und ist hier nicht heimisch und nicht häufig, aber sie hat auch nicht gefehlt und in großartigen Gestalten ihren Ausdruck gefunden. Auch auf dem Boden der jüdischen Religion ist jener Konflikt ausgefochten worden, der zwischen Religion und Berufsarbeit, zwischen Thora und Derech erez ausbrechen kann. Die wunderbare Versöhnung der beiden Kreise, die uns in Bibel und Talmud entgegentritt, die herrliche religiöse Verklärung der Arbeit, die Weihe des Berufs in der Halachah wie in der Aggadah wird uns in ihrer vollen Schönheit erst sichtbar, wenn wir die mächtigen religiösen Kräfte bedenken, die die Menschen vom Berufe abziehen konnten. Es war ein Meister der jüdischen Mystik des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts, einer der Väter der Kabbalah und ein Liebling der jüdischen Sage, der die Abkehr vom Beruf predigte und die Arbeit in ihm als einen Abfall von der Welt der Ewigkeit brandmarkte: Simon ben Jochai, Schüler des Rabbi Akiba. Er ist der Held einer berühmten Aggadah. *) Als in Palästina die Römer herrschten, wurde er von dem Cäsar verfolgt, fr flüchtete mit seinem Sohne und brachte zwölf Jahre zusammen mit ^g*als Eremit in einer Höhle zu. Vater und Sohn trieben kein Handwerk 3) Sabbat 33b.