Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Thorastudium und Berufsarbeit
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 134 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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134 Max Eschelbacher: MAX ESCHELBACHER / THORA* STUDIUM UND BERUFSARBEIT ■ I. "T Thora im derech erez! Ora et labora! Bete und arbeite! Hebräisch, lateinisch und deutsch bekennen sich die Menschen zu dem gleichen Ideal, zu dem Bunde von Religion und Arbeit, zum Dienste gegenüber Gott und der Welt, zum Gehorsam gegenüber der Ewigkeit und gegenüber der Zeit. Im regelmäßigen Verlaufe der Dinge wird dieses Ideal auch verwirklicht. Dann ist der Mensch ein Bürger in beiden Sphären, er lernt Thora und geht den Derech erez, er dient Gott und versieht seine Arbeit und sucht dem Gebote der Unendlichkeit und dem Geheiß der Stunde gleichmäßig gerecht zu werden. Das Symbol für diesen Ring, den Religion und Beruf miteinander schlingen, ist dann der Sabbat, der Tag des Ewigen, der aus dem Fundament der Werktage herauswächst und sie krönt. „Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke verrichten, der siebente Tag aber ist ein Ruhetag dem Ewigen, deinem Gotte, da darfst du keinerlei Werk verrichten." Aber dieser selige Frieden zwischen Gottesdienst und Berufsarbeit kann auch gestört werden. Das harmlose Wörtchen „und" kann uns täuschen und zwei Größen einander gleichstellen, die einander im Innern widerstreben. Es behauptet dann eine Verbindung, die in Wirklichkeit nicht vollzogen, eine Brücke, die in Wahrheit nicht geschlagen wurde. Statt „und" müßte es oft besser heißen „oder". Thora au derech erez! Ora aut labora! Bete oder arbeitel Ist aber der Friede zwischen Religion und Berufsarbeit einmal gebrochen, dann tun sich zwei Möglichkeiten auf. Dann kann der Mensch ganz in der Arbeit versinken und das Ewige in ihm stirbt ab. Oder er kann, ganz dem Ewigen hingegeben, vom Berufe sich abwenden, um allein der Übung seiner Religion, dem Studium der Thora, dem Gebet, der frommen Betrachtung zu leben. Der erste Fall ist der Wirklichkeit wohl vertraut. Gewiß ist auch Arbeit ein Gottesdienst, und sicher ist der treue Knecht einer der schönsten Namen, mit denen Mose geschmückt ist. Der Talmud selber spricht das überraschende Wort aus, größer sei der, der von seiner Hände Arbeit lebe, als der Gottesfürchtige, und er belegt diese verschiedene Schätzung mit Sätzen aus der Heiligen Schrift1). Aber diese Wahrheit hat ihre Grenzen. Sobald für den Menschen der Gottesdienst der Arbeit der einzige wird, neben dem er keinetf anderen mehr kennt, ist das Band von Religion und Berufsarbeit zerschnitten. Wenn Hingebung, Fleiß und Treue im Beruf die wichtigsten Tugenden werden, während die Sehnsucht nach Gott erlischt, das Vertrauen auf den Ewigen schwindet, das Verlangen nach Gehorsam gegen seine Gebote dahin und der Drang, ihn zu erkennen und zu erforschen, vergangen ist, wenn die Thora im Winkel liegt und der Derech erez allein *) Ber. 8a.