Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Eine Vorrede
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 131 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine Vorrede 131 zwischen Gott und Mensch, das, wenn es wirklich ist, Wechselwirkung ist. Ein Beispiel, das für beide, geschichtliche und persönliche Wirklichkeit gilt: Der Leidende will nicht von Gott getröstet werden, er will ihn in der Leidenssubstanz selber kosten; er „will", sage ich, aber daß er es wollte, erfährt er erst in der Erfüllung: da ihm Gott nicht von drüben zuspricht, sondern sich von hüben, als der „Funke" in der „Schale", als die Ruach im Tohu, als das ewige Leben im zeitlichen Vergehen ihm zuteilt. Die Theophanie, die das befreite Volk zur Landnahme rüstet, geschieht in niederfahrender Gewalt, und das irdische Ereignis, Blitz und Bergesfeuer, erscheint im Zeichen der Bewegung von „oben" nach „unten", in der Transzendenz des Worts. Aber es gibt eine Theophanie des Exils, des Nimmerverworfenseins in der Schmach und Erniedrung; nicht aus der Wolke zuckt da die Offenbarung herab, aus den niederij Dingen selber, im Verströmen der Alltage flüstert sie uns an, ganz nah, ganz hüben ist sie lebendig, mitverbanrit, mitharrend wohnt die Schechina bei uns, unser Leiden heilt und heiligt sich an der Immanenz des Worts. Das ist die Geschichte Israels, wie es die Geschichte der menschlichen Person ist, aber es ist wohl die Geschichte der Welt, das von ihr, was wir bisher zu lesen und zu schreiben bekommen haben. Uneigentlich ist somit ferner der Satz der zweiten Rede, „dieser Gott" sei aus dem Streben nach Einheit-'hervorgegangen. Hervorgehen kann nicht „Gott", nur Gottgestalt, „Gottesidee", und auch sie nie aus dem Menschlichen, nur aus dem Aneinanderrühren von Göttlichem und Menschlichem, aus der Begegnung. Wohl gibt es nie eine rechtmäßige „Konzeption", eine Empfängnis also, ein Gestaltwerden Gottes ohne die äußerste mitbildende Teilnahme der Beschaffenheit einer Menschenperson, einer Volksperson, ohne deren besondere, in letzter, passionhafter Aktion ausbrechende Bereitschaft, aber was da am Werk ist, das ist eben nicht etwas in sich Kreisendes, eine mythenauswerfende Phantasie, ein Hihausstellen reifer Gebilde aus der Seelenwerkstatt in die zeiträumliche Unendlichkeit, es ist das redliche Auf-Gott-zu, der rückhaltlose Hinschwung, die Entgegen - kunft des Menschen. Mythos, wo er dies wirklich, also andres und Größeres als Fabel ist, ist Bericht, den nicht der Mensch sich, der vielmehr dem Menschen sich einbildet, freilich eben dieser vom glühenden Farben- und Formtrieb durchwirbelten Wesenheit Mensch; Gottesbilder entstehen nicht im Gehirn, sondern im Auge, in des vollständigen Menschenwesens Augenkraft, die durch ein welthaftes Gesicht, etwa das irdische von Blitz und Bergesfeuer, von einem göttlichen Strahl getroffen wird — nicht also in einem einsamen Seelenkern, sondern an der aufgetanen Wesensfläche, die freilich auf menschliche Art spiegelt, aber das, was anderes ist als der Mensch. Das Geheimnis überläßt uns nur dann uns selber, wenn wir ohne persönliche Wesenshandlung uns mit ihm als mit dem „unauflösbaren Rest in der Erscheinung" oder mit der „innersten Subjekthaftigkeit des Denksubjekts" oder dergleichen zu befassen unterfangen: — wenn wir ihm entgegengehen, ihm gegenübertreten, es ansprechen, hat es uns das gleiche getan, und das entgegenkommende Geheimnis heißt unser Heil. 9*