Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Eine Vorrede
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 130 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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130 Martin Buber: und Gott, in der Wirklichkeit des Verhältnisses, der Wirklichkeit der Wechselwirkung von Gott und Mensch begibt.. Damit aber ist schon gesagt, daß ich mit „Gott" weder eine metaphysische Idee, noch ein sittliches Ideal, noch eine „Projektion" eines psychischen oder sozialen Gebildes, noch irgend etwas vomMenschen „Erschaffenes" oder im Menschen „Gewordenes", sondern Gott meine. Den freilich der Mensch nicht anders als in Ideen und Gestalten „hat"; aber diese Ideen und Gestalten sind nicht ein Werk „freier Schöpfung", sondern die Erzeugnisse gott-menschlicher Begegnungen, die jeweiligen Fassungen eines dem Menschen Widerfahrenden, die Fingerspuren des Geheimnisses. „Nicht Gott ist es, der sich wandelt, die Theophanie wandelt sich", heißt es in der letzten dieser Reden. Theophanie aber ist kein Dort; sie geschieht am Menschen, und er hat seinen Anteil an ihr wie Gott den seinen. Gestalten und Ideen gehen aus ihr hervor; was aber in ihr sich offenbart, ist nicht Gestalt noch Idee, sondern Gott. Die religiöse Wirklichkeit heißt so, weil sie das ungeschmälerte Verhältnis zu Gott selber ist. Der Mensch hat Gott selber nicht; aber er begegnet ihm selber. Unser Geschlecht ist geneigt, in der Religion eine eigentümliche Form der menschlichen Produktivität zu sehen, die eben zu einer regelrechten Kulturepoche mit gehört, ohne die das Geistesleben eben unvollständig wäre, und die im übrigen von ihrer Zeit „morphologisch" bestimmt ist; Gott als „Objekt" der Religion wird demgemäß als das Produkt einer halbkünstlerischen Weltdeutung betrachtet, eine Fiktion, die man sowohl ihres ästhetischen Wertes als ihrer mannigfaltigen wohltätigen Wirkungen wegen — Stärkung des Lebensmuts, Befestigung der Moral, Beglaubigung des Geistes — als erhaltenswert billigen darf. Aber d«as, woraus alle Religion lebt, die religiöse Wirklichkeit, geht der Morphologie ihres Zeitalters voraus und übt die entscheidende Wirkung auf sie; sie dauert im Kern der von der Kultur und ihren Phasen morphologisch bestimmten Religion fort, so daß diese in doppeltem Einfluß steht, einem kulturhaft begrenzenden von außen und einem ursprunghaft entgrenzenden von innen; sie wirkt von dem Augenblick an, wo sie sich einer Religion einverleibt hat, wohl nicht mehr direkt, aber eben durch diese auf alle. Bereiche des Lebens; — die Theophanie zeugt die Geschichte. Gäbe es aber die religiöse Wirklich' keit nicht, gäbe es Gott nur in einer Fiktion, so wäre es eine Anstandspflicht des Menschentums, sie zu vernichten; denn ich kann mir nichts Schaleres und Unanständigeres denken als das sanktionierte Fingieren Gottes; und einer, der programmatisch so verfährt, „als ob es einen Gott gäbe", verdiente (im Gegensatz zum rechtschaffnen Gottesleugner), daß Gott so verführe, als ob es ihn, den Fingierer, nicht gäbe. Ungenau ist somit das Wort der fünften Rede, ob Gott „transzendent" oder „immanent" sei, sei nicht eine Sache Gottes, sondern eine Sache des Menschen. Es ist, in der Wirklichkeit der Geschichte betrachtet, die Sache der Theophanie, an der Gott und Mensch Anteil haben. Es ist, in der Wirklichkeit des persönlichen Lebens betrachtet, die Sache des Verhältnisses