Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Eine neue hebräische Anthologie [Rezension]
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 127 (sequence 3)
- Language
- German
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Umschau: Altere hebräische Literatur 127 auch Piutira — die synagogalen Dichter werden schlechtweg als Pajtanim und deren Dichtungen als Piutim bezeichnet ,— die in gebundener Sprache, in Reim und Vers, mit mehr oder weniger Geschick neben historischen Legenden und aggadischen Sentenzen sogar halachische Entscheidungen und rituelle Normen und Vorschriften behandeln. Eine verständnisvolle Lektüre derartiger Gedichte setzt mitunter eine nicht geringe Beschlagen, heit im talmudischen und midraschischen Schrifttum voraus. Die Thora und ihr Studium waren stets der Lebensnerv und Brennpunkt der jüdischen Seele. Das Gesetz und seine gewissenhafte Befolgung waren dem Juden keine trockene, lebenslose, blutleere Norm, sondern vielmehr lag darin das eigentliche Ethos und die freudige Begabung seines Seins. Noch heute werden im Osten Bibel und Talmud in melodischer Singform vorgetragen. So ward das Gesetz dem Juden Gesang (Psalmen 119. 54), Gesetz und Dichtkunst vereinten sich im Piut zum Lobe Gottes und zur Erbauung des frommen Beters. Diesen gelehrten Piutim wurde im Gebetritus — insbesondere im aschkenasischen — ein verhältnismäßig breiter Raum gewährt Bei ihrer Lektüre waren Thorastudium und Gebet miteinander vereinigt: mit besonderer Vorliebe wurden sie von den im gelehrten Schrifttum Bewanderten gelesen und erklärt. Es galt als Prüfstein der Gelehrsamkeit, ob jemand angeben konnte, auf welche, mitunter entlegene und nicht allgemein bekannte, Talmud- oder Midraschstelle dieser oder jener Piutvers hinweist. Das religiöse Motiv in allen seinen Variationen, Hymnen, nationalen Hoffnungs- und Pesttagsliedern, ethisch religiösen Stimmungshedern, Büßliedern, Klagen über Leiden und Verfolgung, gelehrten Dichtungen usw. bildet, wie schon früher erwähnt, den Hauptinhalt jier hebräischen Poesie des Mittelalters. Doch finden wir neben den poetisch religiösen Schöpfungen aus dieser Periode gleichzeitig auch entzückende, schwungvolle und durchg?°rmte Achtungen rein profanen, ernsten °der heiteren Charakters, wie z. B. lebensfrohe Wein-, Hochzeits- und Freundschafts- "eoer, beissende Satiren und derbe Humo- ^7Paber ^ch Elegien und Nekrologe, reibst Schlachten- und Heldenlieder (solche p Samuel ha Nagid) usw. Bei Emanuel aus T1' dem Freunde Dantes, finden wir sogar, eoen ernst frommer und tief religiöser Poesie, nicht wenige ausgelassen heitere, oder von heißer Erotik durchglühte Verse, die dem Dichter den ewigen Groll der Frommen eintrugen. Dieser Groll hat es aber nicht nur keineswegsverhindern können, sondern hat vielleicht ' geradezu dazu beigetragen, daß die Poesien Emanuels, gesammelt unter dem Titel „Machberet", sich großer Popularität erfreuten und nach dem Tode des Dichters in verhältnismäßig kurzer Zeit zwei Auflagen erlebten1). Im allgemeinen aber waren die hebräischen Poesien des Mittelalters dem großen Publikum nur wenig bekannt. Von den profanen Gedichten waren nur äußerst wenige verbreitet und durch den Druck veröffentlicht, von den synagogalen Poesien sind aber wiederum allzu viele und nicht immer die besten Dichtungen in die Gebetbücher aufgenommen worden, sodaß man während des Gottesdienstes nicht genug Zeit finden kann, um sie neben den vom Ritual vorgeschriebenen Pflichtgebeten mit gebührender Aufmerksamkeit und Andacht zu rezitieren. Dazu kommt noch der Umstand, daß die sprachlich und inhaltlich schweren Texte der Betgemeinde zumeist unverständlich bleiben. Mit Ausnahme verhältnismäßig weniger, wohlklingender, den meisten Betern verständlicher Hymnen — sogenannter Pismonim — wurden die meisten Piutim von der Mehrheit der Beter schnell und mechanisch, ohne auf den Inhalt zu achten, hin„gesagt". (Piutim werden in der Synagoge, im Gegensatz zu den Gebeten, die gedawent d. h. gebetet werden, „gesagt".) Bei den Chassidim werden einsichtsvollerweise die langen, nicht leicht verständlichen Piutim beim Gottesdienste ganz übergangen, man beschränkt sich hier auf wenige, leichte, aber poetisch gehaltvolle Pismonim, die meist den Charakter von Kehrreimliedern tragen. Eine gut gesichtete und geordnete einheitliche Ausgabe der hebräischen, religiösen wie profanen Poesie des Mittelalters ist bis heute nicht vorhanden. Ebenso wird eine erschöpfende, das Riesenmaterial vom literarhistorischen und ästhetischen Gesichtspunkte würdigende Betrachtung bis nun ver- *) Brescia 1492 und Konstantinopel 1535. In neuerer Zeit wurden sie zweimal aufgelegt — Berlin 1796 und Lemberg 1870 — doch sind auch diese Auflagen längst vergriffen.