Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Eine neue hebräische Anthologie [Rezension]
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 126 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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126 Umschau: Ältere hebräische Literatur / öffentlichung harrte. Erst mit dem Aufblühen der modernen jüdischen Wissenschaft, in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts,' begannen jüdische Forscher auch diesem Zweige der jüdischen Literatur sich zuzuwenden. Dank ihren Mühen wurden viele Perlen der religiösen wie profanen Poesie des Mittelalters durch den Druck veröffentlicht und auf diese Weise vor gänzlicher Vergessenheit gerettet.1) Diese Veröffentlichungen jedoch, die in verschiedenen wissenschaftlichen Fachzeitschriften zerstreut wie in besonderen, für einen beschränkten Gelehrtenkreis berechneten, Arbeiten erschienen und zumeist von streng wissenschaftlichem Charakter sind, behandeln hauptsächlich die betreffenden Dichtungen vom rein historischen und philologischen Standpunkte aus, ohne ihren poetischen Gehalt zu werten oder ihre Bedeutung im Rahmen unserer nationalen Kultur und Literaturgeschichte zu würdigen. Zudem blieben diese Arbeiten dem großen jüdischen Leserkreis fast unzugänglich und daher unbekannt. Die Bücher von Michael Sachs „Die religiöse Poesie der Juden in Spanien** (Berlin 1845) und Leopold Zunz ,,Die synagogale Poesie des Mittelalters" (Berlin 1855) können als erste Ansätze zu einer literarhistorischen Würdigung der älteren hebräischen Poesie gelten. Doch abgesehen davon, daß beide Werke ausschließlich die religiöse Poesie behandeln und (insbesondere Zunz) dem rein historischen Momente in erster Linie Rechnung tragen, sind sie in deutscher Sprache geschrieben und auf einen deutschlesenden Gelehrtenkreis eingestellt. Bei Zunz sind die Poesien nicht im hebräischen Urtext, sondern ausschließlich in deutscher Übersetzung zitiert. Der grundgelehrte poetisch begabte und schöngeistige S. D. L u z z a t o , der verdienstvolle Editor und Erklärer der hebräischen Poesie des Mittelalters, der zum ersten Male x) Während meines letzten Aufenthaltes in Petersburg im Jahre 1911 fand ich in der damalig-kaiserlichen Bibliothek wie in der privaten Büchersammlung des — im Kriege verstorbenen — Gelehrten Dr. A. Harkavy mehrere ältere Handschriften, die ältere ungekannte hebräische Poesien enthalten. Es wäre interessant zu erfahren, was seither mit diesen Handschriften, besonders denjenigen aus dem Privatbesitze des Dr. Harkavy, geschehen ist den Diwan (Gedichtsammlung) des Jehuda Halevi herausgegeben und dadurch gewissermaßen zum Entdecker des bedeutendsten aller mittelalterlichen hebräischen Dichter geworden ist, wäre vielleicht berufen gewesen, die literarhistorische Behandlung dieses Gebietes mit Erfolg in die Hand zu nehmen, zumal er, wie selten jemand, das hebräische Sprachgebiet beherrschte und als einer der besten hebräischen Stilisten seiner Zeit galt; doch beschränkte auch er sich bei der Bearbeitung der von ihm edierten Gedichte fast ausschließlich auf die rein historische Behandlung , philologisch-sprachliche Erklärung wie Richtigstellung der, oft durch die Schuld der Abschreiber, korrumpierten Texte. Leopold Zunz war der erste, der nach der Methode der modernen wissenschaftlich - kritischen Geschichtsforschung die systematisch-historische Bearbeitung und Gruppierung des ganzen Gebietes der synagogalen Poesie, an der Hand aller ihm zugänglich gewesenen, gedruckten wie handschriftlichen Texte unternahm, und der, da er sein Werk in einen scharf umgrenzten Rahmen faßte, zum erstenmal in dieses bis dahin chaotisch verworrene Gebiet Licht hineintrug. Die Arbeiten von, Zunz haben, mit angeregt von vorangegangenen, im Bikkure haitim erschienenen, Studien des genialen S. L. .Rappaport, neue Horizonte der jüdischen Wissenschaft eröffnet und der künftigen jüdisch-historischen Forschung bis dahin nie betretene Bahnen gewiesen. Im Anschluß an das von Zunz begonnene Werk haben weiterhin Luzzato, Dukes, Michael und Senior Sachs, Landshut, Geiger, Berliner, Harkavy u. a. m. durch Spezialarbeiten wie durch mit textkritischen Noten versehene Veröffentlichungen älterer, unbekannter, bis dahin bloß handschriftlich vorhanden gewesener hebräischer Gedichte das Gebiet der hebräischen Poesie des Mittelalters erweitert und ausgebaut. In jüngster Zeit hat sich Dr. HeinrichBrody durch die kritische und prachtvoll ausgestattete, infolge des Weltkrieges leider noch nicht zu Ende geführte, Gesamtausgabe der Gedichte Jehuda Halevis um den hier behandelten Gegenstand ganz besonders verdient gemacht. Die Eigenart des jüdischen Volkes offenbart sich nicht zum geringsten Teile auch in seiner religiösen Poesie. Neben den in hehrer religiöser Verklärung und tiefem poetischen Empfinden geschaffenen synagogalen Dichtungen finden wir