Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Das Freie Jüdische Lehrhaus in Frankfurt am Main
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 119 (sequence 4)
- Language
- German
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Umschau: Erziehung 119 Orthodoxie, der Zionismus und sein Gegenteil lassen sich nicht aus unserer Welt herausschweigen. Sie sind alle Teile des Lebendigen. Wir zeigen sie, wir erkennen sie an, suchen sie zu verstehen, aber wir lehren sie nicht So trennen wir uns von niemand, der guten Willens ist. Auch nicht von der nichtjüdischen Welt, den Völkern unter denen wir nicht nur wohnen, sondern zu denen wir so gehören wie wir sind, mit dem was wir lieben und wünschen. Möge unser fernerer Weg mit ihnen nicht wieder ein Weg des Leidens werden, wie er es auf so lange Strecken gewesen ist. Wenn unser geschichtliches Leid aber wieder kommt, dann wollen wir wissen, warum wir leiden, wir wollen nicht wie Tiere sterben, sondern wie Menschen, die wissen, was gut und schlecht ist. Aber wir suchen nicht das Leid sondern den Frieden. Daß wir Juden sind, daß wir Fehler und Tugenden haben, ist uns genug von uns selber und anderen gesagt worden. Wir haben es zu oft gehört. Das Lehrhaus soll uns lehren, warum und wozu wir es sind. Mit all dem ist aber noch nicht gesagt, was das Lehrhaus eigentlich ist. Es jst keine Schule, kein Institut, kein Seminar, keine Anstalt. Es hat nur einen im Kern, aber nicht in Abgrenzung und Anordnung festen Lehrstoff. Es bildet zu nichts vor, es tritt auch nicht an Stelle einer andersartigen Einrichtung. Es' hat mit Volksbildung im üblichen Sinne des Wortes nichts zu tun und auch nichts mit den für das deutsehe Geistesleben so wichtigen Gesellschaften, wie dem Freien Deutschen Hochstift, der Kant-, Schopenhauer-, Nietzsche-, Goethegesellschaft. Es hat gar keine Ähnlichkeit mit Geheimverbänden, Orden, Klubs oder mit Konventikeln und Bethäusern. Am ehesten ist es noch dem traditionellen „Lehrhaus" verwandt. Es dient wie dieses der Pflege eigenen, ererbten Besitzes. In diesem Sinne Jst es eine Bildungsanstalt. Es ist aber viel weniger als das alte Lehrhaus Schauplatz Jüdischen Lebens und viel mehr Vorbereitung dazu. Zurzeit ist es geeignet, Menschen, die den Wunsch dazu haben, in die jüdische Welt einzuführen. Vielleicht bleibt es nicht dabei. Möglicherweise wächst sich gerade der Sprachunterricht und der Unterricht in den literarischen Quellen einmal so schön aus, daß das Lehrhaus auch ein Haus des Studiums wird. Schon ist es mehr als einmal geschehen, daß Studenten von auswärts nach Kurzer Probe von der Universität ins Lehrhaus hinübergewechselt sind und an ihm ein oder zwei „jüdische Semester" in ihr Studium einschoben. Und auch institutionelle Möglichkeiten liegen vor. Schon heute hat das Lehrhaus die Kraft, die zu ehren, die es ehren will. Es hat mancherlei Anfänge und Ursprünge, Ursachen und Gründe. Die zu Ende gehende große Aufklärungsepoche, die Abnutzung der Wissenschaft und Kunst als Ersatz der Religionen, die Zersplitterung der philosophischen Erkenntnis und Skepsis, die wissenschaftliche Vorbereitung einer neuen Einheit von Wissen und Glauben. Dann die Zeit: der Krieg, die Niederlage, die Revolution, die hoffnungslose Verwirrung in den politischen Wünschen; der Antisemitismus und der Zusammenbruch der alten Abwehr, die, auf Humanität und Toleranz angewiesen, mit ihnen gedeihen und mit ihnen absterben mußte, die Krise im Zionismus und im Liberalismus. Dann kommen die eigentlichen Ansätze zum Lehrhaus selber, der Verein für jüdische Volksbildung und die im Jüdisch- Liberalen Jugendverein entstandene Bibelstunde von Eduard Strauß, die heute der Kern des Lehrhauses ist. All das tritt nun zu der Beziehung hinzu, die zwischen drei Namen bestand: Hermann Cohen, Nehemia Nobel, 'Franz Rosenzweig. Dem Philosophen bestätigt seine Wissenschaft zuletzt das Judentum; der große zionistische Rabbiner, Schüler und Verehrer Hermann Cohens, lebt in deutscher Philosophie und Literatur, wirkt zum Teil gerade darum so stark über den ihm gegebenen Kreis hinaus und bleibt ungebrochen konservativ gerichteter Rabbiner. Rosenzweig hört den einen und lernt ihn lieben, er gerät in das Kraftfeld des andern und macht sich zu seinem Schüler, nachdem er zur aussprechbaren Einheit gebändigt, was in den beiden anderen lebenslänglich getrennt in Spannung blieb. In diesen drei Namen liegt mehr, als mir zu erklären möglich ist. Eins' von vielem scheint mix; recht wichtig. Es sind Namen von Menschen der Sonnenseite des Lebens, nicht klein, gedrückt, verbittert, verkümmert und trotzdem glühend lebendig wie die Juden, die Rembrandt gemalt hat, sondern in heller Luft gewachsen. Zwischen ihnen und der Welt standen die Mauern des Ghettos nicht mehr. Rosenzweig hatte mitten aus Welt, Kunst, Wissenschaft 1917 in der Schrift „Zeit ists", einem offenen Brief an Hermann Cohen, die Bildung einer Akademie des Judentums angeregt, die den jüdischen