Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Das Freie Jüdische Lehrhaus in Frankfurt am Main
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 118 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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1X8 Umschau: Erziehung Gelegenheit, sie richtig zu lernen, andere lernen sie nur lieben,, und wünschen, daß ihre Kinder sie wieder erlernen. Wer nur so viel mitnimmt, daß ihm ein hebräisches Wort wieder anderes bedeutet als ein Mittel, eine lebendige Sprache zum Jargon zu verzerren, daß ihm ein hebräisches Buch oder eine Inschrift als Buch und Schrift erscheint, der hat in diesem Unterricht schon etwas gewonnen, ihm sind wirklich alte Dinge gezeigt. Das unvermittelste Zeigen ist die Einführung in die Quellen des Judentums, wie es.Eduard Strauß in seinen Bibelstunden betreibt, und wie es in vielen anderen Vorlesungen und Arbeitsgemeinschaften über die heilige Schrift und das naclu>iblische Schrifttum in Urtext und Erläuterung geschieht. Dem Hinwegräumen von Hindernissen sind Vorträge und Aussprachen gewidmet, die sich auf die Welt beziehen, in der wir leben, auf die Mächte, die uns umgeben, auf die Religionen, das Christentum, die Nationen, die Wissenschaften und Literaturen. Es sind das Auseinandersetzungen, aber nicht in der zum Überdruß bekannten apologetischen Manier. Hier handelt es sich um das, was uns angeht, was uns wertvoll und was gleichgültig ist; wo wir hin gehören und wohin nicht, hauptsächlich aber was uns wahr und was uns falsch ist. Denn einerlei, ob diese letzte Frage jüdisch ist oder Erbe Griechenlands, ob sie eine ewige Frage ist oder eine, die nur mit dem immer wieder notwendigen Befreiungskampf der Menschen in bestimmten Jahrhunderten eng verbunden ist, heute steht die Frage nach Währ und Falsch, nach Gewiß oder Fraglich zwischen dem Menschen und der Erfüllung seiner Wünsche, zwischen ihm und seinem Zweck, seinem Sinn, der Erfüllung seines Lebens. Selbstbesinnung und Selbstprüfung, Prüfung der Welt und ihrer Güter, Prüfung der Götter, die angebetet werden, ist uns notwendig. Es wäre gar nicht schwer, heute alle die, die durch die Not der Zeit an ihrer Seele und an ihrem Leibe leiden, zu sammeln und ihnen eine Zeit lang auf Religiös, auf Mystisch, auf Jüdisch zu kommen. Wenn die Zeiten wieder besser oder noch schlechter werden, wird es die Zeit verweht haben, und die Erinnerung wird dann dem Jammer nach einem Rausch gleichen. Wir wollen eine Lehre hören, die sich in Freud und Leid, in Not und Glück bewährt, die zu allen Geschlechtern spricht, auch zu den kommenden, deren Nöte, Wünsche und Fragen nicht unsere Fragen sein werden. Wer sind die Lehrer und Lernenden? Die verschiedensten Menschen. Rosenzweig hat sie gesammelt. Die mitabgedruckten Programme zeigen die Namen der Lehrer, Von diesen Namen sei der des vor einem Jahr gestorbenen Rabbiner N e h e m i a Nobel genannt, dieses seltenen Mannes, dessen Wesen in Worte kaum zu fassen ist, der sich selber nicht kannte und vor dem jeder sich beugte. Er hatte, was wir uns wünschen, in ihm war Judentum, kein ortho^ doxes und kein liberales, keins aus Frankfurt und keins aus dem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, keins von dem man erst Rost abhämmern oder Farbe hätte wegätzen müssen. Dann in der Lehrhausarbeit selbst gewonnene Freunde Rosenzweigs, die ähnlich wie er aus unjüdisch gewordener Welt kamen: Eduard Strauß, von Beruf physiologischer Chemiker;; ich selbst, Arzt; Nobels Schüler, der junge Historiker Ernst Simon; dann Rabbiner, besonders S a 1 zb e r g e r, nicht als Prediger, sondern als Wissende; ferner Gelehrte, die von Palästina und dem Volke Israel, von der Juden Schicksal und Art berichten konnten. Martin Buber fand im Lehrhaus wohl zum erstenmal einen Ort, wo er, wie Strauß über die heilige Schrift und über Zeitfragen, Rosenzweig über philosophische Probleme, ich selbst über Ärztliches und anderes, über die religiöse Wirklichkeit vor einem jüdischen Kreise, ohne auf sogenannten jüdischen St off beschränkt zu sein, ganz aus sich selbst heraus, und gerade darum wahrhaft jüdisch sprechen konnte. Als ich zur Abfassung dieses Aufsatzes die Programme überlas, war ich überrascht von der Fülle und Schönheit des Gebotenen, von der Zahl der Namen erfreulicher Menschen. Die Lernenden sind natürlich zum Teil wieder die Lehrer selber, dann ein Stück des bekannten gebildeten Publikums, etwa genau in der Abgrenzung dieses Begriffes. Auch solche sind da, die sonst spröder sind, wo es sich um jüdische Dinge, über die Abwehr und das Interessante hinaus, handelt, auch solche, die sonst nicht gern sehen, daß in das Starre Bewegung kommt. Das Lehrhaus kennt keine politische Polemik. Hier geraten nicht Orthodoxe und Liberale, Zionisten und Staatsbürger jüdischen Glaubens aneinander. Diese Gegensätze liegen hinter uns. Damit soll es jeder halten, wie er mag. Wir sehen das mehr historisch. Der jüdische Liberalismus und die jüdische