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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 117

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 2
Article
Das Freie Jüdische Lehrhaus in Frankfurt am Main
Date
1921-01-01
Page
117 (sequence 2)
Language
German
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Umschau: Erziehung 117 man die Ziele meistens allgemeiner, als sie sind, man neigt dazu, große Worte zu gebrauchen, wo es sich nur um einen selber, um die eigene Not handelt. Das Freie Jüdische Lehrhaus ist zuerst einmal eine moderne Schöpfung. So neuartig und aus der Gegenwart geboren wie etwa die Quickborn- oder die Neuwerkbewegung. Mit ihnen teilt es die Gefahr, jung und neu zu sein, sich die Legitimation selbst ausstellen zu müssen. Niemand kann wissen, wie lang sein Leben, wie dauerhaft seine Form sein wird. Es ist wie alles Neue in der Gefahr, nichts anderes zu sein als ein zeitgeborener Irrtum. Dafür aber hat es diese Eigenschaft, neu zu sein, auch als Vorzug. Es ist noch nie etwas gut geworden, was nicht erst fragwürdig gewesen war. In unserer Zeit, die voll ist von winzigen Ansätzen zu bescheidenem Wachstum, wissen wir genau, wie vergänglich die meisten ^Schöpfungen der Menschen sind. Der Wind verweht Vereine, Gruppen, Anstalten, Bücher, Zeitschriften, Programme, Zeitungen, Schlagworte zu Tausenden. Wer auf die Vergänglichkeit der neuen Dinge rechnet, wird mit Sicherheit den Namen eines Propheten erwerben können. Das Lehrhaus aber hat außer seiner echten Neuheit noch eine zweite echte Eigenschaft, die seltener ist, und die sich ganz besonders selten mit der ersten Eigenschaft gemeinsam findet. Es ist die Schöpfung eines einzelnen Menschen. Es lag nicht so in der Zeit, daß es auf jeden Fall entstanden wäre. Tatsächlich sind auch bisher die Lehrhäuser nicht aus dem Boden gewachsen wie die Pilze nach dem Regen. Was unter dem Namen jüdischer Volkshochschulen seit Kriegsende entstanden und nieist schon wieder vergangen ist oder nur sein kümmerliches Leben fristet, ist etwas ganz anderes. Wenn wirklich heute aus einem Kreis von Menschen heraus ein jüdisches Lehrhaus wie von selbst entstanden wäre, dann hätte es vermutlich weniger Kraft und Einheit, als es sie in all der Fragwürdigkeit der Jugend heute besitzt. Es ist zwischen ^ei Zeiten entstanden und nicht für immer gemeint. Zwischenzeiten können länger dauern als man denkt. Es geht jetzt innerlich gestärkt ins vierte Lehrjahr. Die wenigsten mögen ihm eine so gute Prognose gestellt haben. Das ist, allen anderen ihr Teil ^gestanden, das Verdienst von Franz K°senzweig. In der Geschichte der Juden seit der Emanzipation scheint es mir einen Abschnitt zu kennzeichnen. Es handelt sich in ihm nicht um die Freiheit und Sicherheit der Juden in der Welt, nicht um die Anerkennung ihrer Menschenwürde, sondern darum, ihnen ihre alte Lehre wieder bekannt und vertraut zu machen. Die Freiheit und Sicherheit wird weiter verteidigt, die Menschenwürde weiter behauptet werden müssen, aber wozu eigentlich, wenn nicht um etwas, was all die Mühe lohnt? Leben und Freude am Leben ist immer um etwas, um das, was das Höchste scheint, um das es sich lohnt, das Leben einzusetzen und zu verlieren. So ist das Judentum des Frankfurter Lehrhauses nicht die Gemeinschaft der Juden, sondern'ihr Besitz. Es ist für die errichtet, die diesen Besitz verloren haben, und will Juden, die es nur noch um ihrer selbst willen sind, zeigen, daß ihr Namen auch ein Größeres bezeichnet, als sie selber sind. Es gibt dort auch Vorträge über den jüdischen Menschen und das jüdische Schicksal. Aber sie dienen dazu, hinzuleiten auf jüdische Lehre. Es wird versucht zu zeigen, daß hier mehr Kraft und Freude zu gewinnen ist, als in der Betrachtung der eigenen besonderen Art, mit ihren Vorzügen und Fehlern, als in der Beschäftigung mit dem, was andere Menschen über die Juden sagen und denken. Wen hat das je froh gemacht? Wer ist auch nur mit dem Gefühl davon weggegangen, daß er etwas Vernünftiges getan hat? Aber wie wir die Abwehr nötig haben, so interessiert uns die Beschäftigung mit uns selber. Jeder Veranstalter von Vorträgen und Versammlungen, jeder Verleger weiß, daß Unternehmen, die diesem Interesse dienen, der Erfolg gewiß ist. Das Lehrhaus gibt mehr als das Notwendige und das Interessante. Das was es gibt, könnte man so gut mit alten und bewährten Worten einfach ausdrücken. Aber diese Worte passen nicht mehr in unsern Mund. Sie sind trivial geworden, wir scheuen uns, Unwahres damit auszusprechen. So ist es von selbst Lehrhausaufgabe, sie zu zeigen und Hindernisse zwischen ihnen und uns aus dem Wege zu räumen. Zum ersten gehört eigentlich die Kenntnis der hebräischen Sprache. Das soll hier nicht weiter begründet werden. Sie verbindet uns Jahrhunderte und Jahrtausende. Sie ist eine Art Heimat, eine Art Gotteshaus, Religion, Geisterbeschwörung. In ihr ist echt, was außer ihr verwässert ist. Die Frage, wie heißt das und das im Urtext, taucht rasch genug von selbst auf. Manche benutzen die

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