Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die palästinensische Genossenschaft und ihre gesetzliche Regelung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 113 (sequence 3)
- Language
- German
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Umschau: Kolonisation "3 vielleicht seit Jahrtausenden dieselbe geblieben ist. Die arabische Landgenossenschaft „Hamule" wäre etwa mit der alten deutschen Markgenossenschaft vergleichbar1). Meist bestehen in jedem Dorfe mehrere solche Genossenschaften, von denen jede einen Anteil an der Gemarkung hat, der entweder fix bleibt oder durch regelmäßige, von Zeit zu Zeit erfolgende Neuteilung bestimmt wird. Innerhalb der Hamule wird der Boden gewöhnlich, alle zwei Jahre neu verteilt, wobei jedes Los, ebenso wie im alten Deutschland, einen Streifen in jedem Gewanne hat, damit der Boden möglichst gleichmäßig verteilt wird. Auch die Erscheinung des Flurzwanges und der gleichzeitigen Ausführung der landwirtschaftlichen Arbeiten wiederholen sich hier als notgedrungene Konsequenzen der Dorfverfassung. Selbstverständlich hat die Hamule mit der modernen Genossenschaft nichts Gemeinsames, und es kann auch von einem günstigen Einfluß dieser Wirtschaftsform auf den arabischen Landwirtschaftsbetrieb nicht die Rede sein. Es wird wohl noch langer Jahre der Aufklärungsarbeit bedürfen, bis der Genoss'enschaftsgedanke unter den Arabern Wurzel faßt. Aber auch die genossenschaftlichen und organisatorischen Erfolge der Deutschen in Palästina sind im Vergleich zu dem, was die Juden geschaffen haben, sehr gering. So groß auch die Verdienste der deutschen Bevölkerung sein mögen, die als erste nach Palästina den Begriff einer europäischen Wirtschaftsführung brachte und die durch sie geschaffenen Kolonien zu Oasen in der Wüstenei der umgebenden arabischen Felder gestaltete, deren Musterwirtschaften den neu entstehenden jüdischen Kolonien und Farmen zum Vorbild dienten, in vielen Beziehungen bis zum heutigen Tage dienen:— an genossenschaftlicher Organisierung stehen sie den Jfaden bei weitem nach. Die wenigen, vor dem Kriege durch sie geschaffenen Genossenschaften dienten ausschließlich dem1 Absatz. So entstanden Milchgenossenschaften in den Kolonien Sarona und Wilhelma und ein Weinbauverein, der die Weinbauern der beiden Kolonien umfaßte. Ihre Entwicklung war angesichts der guten Qualität der durch sie gelieferten Produkte und, was die Milch betrifft, auch angesichts des gesicherten Ab- *) Vgl. diesbezüglich: Hubert Auhagen, »»Beiträge zur Kenntnis der Landesnatur und Landwirtschaft Syriens," Berlin 1907. Heft 2. satzes, ziemlich günstig. Der Krieg, der für eine geraume Zeit den Wirtschaftsbetrieb der deutschen Kolonien zum Stillstand brachte (mit dem Eintritt der britischen Okkupationwurden sämtliche Deutschen nach Ägypten deportiert, wo sie über zwei Jahre verbleiben mußten), vernichtete auch diese wenigen Genossenschaften. Jetzt muß alles neu aufgebaut werden. Doch hat, wie die deutsche Kolonisation überhaupt, so auch das deutsche Genossenschaftswesen in Palästina keine Aussichten auf eine größere Entwicklung. Somit sind es nur die jüdischen Genossenschaften, die es in Palästina ziemlich weit gebracht haben. Sie umfassen die verschiedensten Klassen der jüdischen Bevölkerung, da die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse in einem bisher so wenig erschlossenen Lande in noch viel stärkerem Maße als in Europa zu genossenschaftlichem Zusammenschluß nötigen. So ist es denn erklärlich, daß sich die verschiedensten Typen der Genossenschaften in fast gleich starkem Maße entwickelt haben. Man kann sie alle, der neueren Genossenschaftstheorie folgend, in drei Gruppen einteilen und zwar erstens in Genossenschaften des deutschen Typus,dieMittelstandsgenossenschaften, die lediglich den Zweck verfolgen, durch genossenschaftliche Organisation die ökonomische Lage der Mitglieder zu verbessern. Hierher gehören die Kreditgenossenschaften, die sowohl als reine Leihkassen, als auch als Spar- und Darlehenskassenvereine vorkommen, die Baugenossenschaften, die verschiedenen Absatz vereine für landwirtschaftliche Produkte, die Viehversicherungsgenossenschaften, Molkereien u. dgl. m. Der zweite Typus wären die Konsumvereine, die Genossenschaften des englischen Typus, die das Wirtschaftsleben durch Organisierung des Käufers erobern und neugestalten wollen. Der weitaus bedeutendste unter ihnen ist der Hamaschbir, der Konsumverein der Arbeiter, zugleich der einzige große und lebensfähige Konsumverein des Landes. Ich habe ihn an anderer Stelle genauer beschrieben1) . Als letzte kommen die Genossenschaften des romanischen Typus, die Produktivgenossenschaften an die Reihe. Ich verstehe darunter die Genossenschaften, die dem Arbeiter das Produkt seiner Arbeit ganz *) Vgl. meinen Aufsatz über den Hamaschbir in der Jüdischen Rundschau vom 4. April 1922, Palästina-Beilage. 8