Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die palästinensische Genossenschaft und ihre gesetzliche Regelung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 112 (sequence 2)
- Language
- German
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112 Umschau: Kolonisation bis zum heutigen tage über die ersten, allerdings recht hoffnungsvollen Schritte nicht hinausgekommen. Die Ursachen all dieser Erscheinungen sind unschwer zu erraten, Palästina ist ein ausgesprochenes Agrarland. Von der i 063 524 Einwohner zählenden Bevölkerung (amtliche türkische Volkszählung aus dem Jahre 1915), waren kaum 375 000 in Städten angesiedelt1). Etwa 550000 entfielen auf die nomadisierenden Beduinen, die zum Teile auch dem Ackerbau obliegen. Es ist also selbstverständlich, daß der Gedanke der genossenschaftlichen Organisierung in Palästina in erster Reihe in die Landwirtschaft eindringen mußte und bis auf den heutigen Tag in weitaus stärkerem Maße das Wirtschaftsleben auf dem Lande beeinflußt, als die Entwicklung der Stadt. Und doch ist das Genossenschaftswesen in Palästina kein urwüchsiges, durch die ursprünglichen, autochthonen Bewohner des Landes ins Leben gerufenes Gebilde. Der Anteil der arabischen Bevölkerung an diesen Formationen des wirtschaftlichen Lebens ist bis zum heutigen Tage minimal, ja — abgesehen von manchen genossenschaftlichen Bräuchen, die sich als Überreste des ursprunglichen Agrarkommunismus darstellen und sich bis zum heutigen Tage erhalten haben — überhaupt nicht vorhanden. Sämtliche im Lande bestehenden Genossenschaften sind vielmehr ausnahmslos durch die eingewanderte jüdische und deutsche Bevölkerung in unmittelbarer Anlehnung an die europäischen Vorbilder ins Leben gerufen worden. Hieraus folgt aber keineswegs, daß diese Nachahmung eine sklavische war und daß die Genossenschaften in Palästina ohne weiteres denselben Gebilden in den europäischen Ländern vergleichbar wären. Mehrfache Umstände, insbesondere aber die Eigenart der kolonisierenden Bevölkerung (ich habe hier insbesondere die Juden im Auge, die ja den Hauptanteil an dem gesamten Genossenschaftswesen haben), sowie die Eigenart der palästinensischen Agrarverhältnisse haben es vielmehr mit sich gebracht, daß das Ge- 2) Die Ziffern der türkischen Volkszählungen haben natürlich keinen Anspruch auf Genauigkeit. Ich zitiere sie doch, weil sie, wenn auch die absoluten Zahlen nicht genau (in unserem Beispiel zu hoch) sind, doch das Verhältnis der verschiedenen Volksteile zueinander richtig wiedergeben. nossenschaftswesen in Palästina ein ganz eigenartiges, originelles Gepräge erlangt hat und daß es gerade diese eigenartigen, von den europäischen manchmal sehr verschiedenen Gebilde sind, die sich immer mächtiger entwickeln. Um zwei Beispiele zu geben: die landwirtschaftlichen Arbei ter-Produktivgenossenschaften, die trotz der kräftig geführten Agitation sich in keinem europäischen Lande mit Ausnahme von Italien haben erhalten und durchsetzen können, sind in Palästina zu einer hoffnungsvollen Entwicklung gelangt. Ebenso haben sich die Ar beitsgenossenschaf ten, die in Europa wiederum nur in Italien vertreten sind (die russischen Artelle sind wegen mannigfacher Unterschiede und mancher nichtgenossenschaftlichen Züge unter die Genossenschaften kaum einzureihen), in Palästina sehr gut bewährt und sehen einer großen Zukunft entgegen. Diese Entwicklung des Genossenschaftswesens ist aber einzig und allein der Initiative der jüdischen Bevölkerung zu verdanken. Von den drei wichtigsten Palästina heute bewohnenden Völkern ist es nur dieses jüdische, welches das Genossenschaftswesen in Palästina im Verhältnis zu seiner gesamtkolonisatorischen Tätigkeit zur großen Entfaltung gebracht hat und daher auch berufen ist, es nicht nur zur Grundlage seiner weiteren kolonisatorischen Arbeit zu machen, sondern auch als Lehrmeister gegenüber dem arabischen Volk auch in dieser Beziehung aufzutreten. Bei diesem letzten kann, wie schon erwähnt, von einer genossenschaftlichen Organisierung überhaupt nicht gesprochen werden. Wie die ganze arabische Wirtschaftsweise äußerst primitiv ist und den Landbau nur bei den fast unmenschlich niedrigen Bedürfnissen der Fellachen lohnend zu gestalten vermag, so ist auch von einer organisierten Zusammenarbeit, sei es auf welchem Gebiete immer, keine Spur. Die türkische Regierung hat keinerlei Interesse für deren Förderung gehabt, aber auch die gegenwärtige englische Mandatarverwaltung hat, obwohl sie sich in dieser Beziehung viel Mühe gab und zwecks Beratung der Möglichkeiten des genossenschaftlichen Zusammenschlusses der arabischen Bevölkerung Konferenzen nach Haifa, Gaza und Nablus berief, keinerlei greifbare Resultate zu erzielen vermocht. Einige Anklänge an genossenschaftliche Formen könnte man bloß in der arabischen Dorfrerfassung finden, die seit Jahrhunderten,