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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 110

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 2
Article
Rückblick
Date
1921-01-01
Page
110 (sequence 4)
Language
German
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xio Umschau: Politik anzunehmenden Unveränderlichkeit des englischen politischen Lehens in Struktur, Rhythmus und Form wohl kein unversehener Bruch der Linie der politischen Entwicklung zu erwarten. Gelingt es jedoch nicht, den erreichten politischen Rahmen, die Rechtsform, durch den Stoff, die Wirtschaft, auszufüllen, bildet die Realität der Tatsachen zu den Prinzipien der erlangten Berechtigungen kein adäquates Supplement, dann allerdings müßte der in dieser weiter dauernden Zeitperiode der Real-Politik und der Reaktion noch hoffnungsloser als je erscheinende Versuch unternommen werden, die Wirklichkeit durch die Politik zu supplieren. Es ist zweifelhaft, ob selbst einem Weizmann heute noch die auch in einer so revolutionären Epoche, wie der des Weltkrieges, schwierige Aufgabe einer politischen Schöpfung bloß aus der Idee gelingen würde. II. Es entspricht der politischen Weltsituation im allgemeinen, daß auch im Bereich der inneren jüdischen Politik oder (nach territorialex Abgrenzung) in den Ländern der Diaspora die Situation nicht viel erfreulicher ist als in Palästina. Mag auch in Sowjet-Rußland und der Ukraine mit der Umstellung des dortigen offiziellen Wutschaftskurses sich die wirtschaftliche Lage des in diesen Ländern noch verbliebenen ansehnlichen Teiles des früheren russischen Judentums gebessert haben, so bleibt dies vorläufig für das Gebiet der Palästina-Arbeit, auf dem es ja nur infolge der Zertrümmerung und Verelendung des russischen Judentums so schlecht bestellt ist, ohne Wirkung. Wenn, wie die Prozesse und die Verfolgungen der Zionisten in den letzten Monaten gezeigt haben, schon die inner jüdische Arbeit in den Sowjet-Staaten solchen Beschränkungen unterliegt, dann ist zunächst an eine wirtschaftliche Teilnahme der russischen Juden am Palästina-Aufbau überhaupt nicht zu denken. Eine eigentümliche Tatsache ist in den andern europäischen Ländern und vielleicht auch in Amerika zu beobachten, in denen ein normales politisches Leben einen natürlichen Ausdruck aller wirtschaftlichen, nationalen und kulturellen Emotionen des Volkes ermöglicht. In Rußland ist ja eine solche getreue Projizierung dieser Strömungen auf die politische Bühne noch nicht möglich und es herrscht dort noch ein vieldeutiges Dunkel, in dem alle Lebens- und Gefühlsäußerungen der Völker verzerrt und verwirrt erscheinen. Die eigentümliche Tatsache, die dem Betrachter des jüdischen Lebens in den verschiedenen Ländern während der letzten Monate auffallen mußte, ist eine sonderbare Einheitlichkeit, Gleichzeitigkeit und Organisiertheit der antisemitischen Strömungen. Es ist doch sehr auffällig, daß die letzten antisemitischen Exzesse in derTschechoslovakei, in Wien, in Rumänien, in Litauen, in den östlichen Randstaaten und in Polen einen einheitlichen Ausgangspunkt hatten: die Universitäten. Der Zusammenhang der antijüdischen Kundgebungen an den Wiener Hochschulen mit den Vorgängen an der Prager deutschen Universität, an der die deutschnationalen Hörer durch einen auch terroristische Mittel nicht verschmähenden Streik die Absetzung des seinem Glauben, nicht aber seiner nationalen Überzeugung nach jüdischen Rektors Steinherz zu erzwingen versuchten, wurde ja expressis verbis ausgesprochen. Nicht restlos erklärlich sind aber die zeitlich unmittelbar folgenden Ausschreitungen in Clus (Klausenburg) und Jassy und dann auch in Bukarest, und man wird mit der Annahme einer Fernwirkung der Prager Vorgänge vorsichtig sein müssen. Das Problem liegt ja auch gar nicht in den konkreten Anlässen für jede einzelne dieser antisemitischen Bewegungen, sondern in ihren tieferen Gründen. Im Gegensatz zum Antisemitismus vor 1914, dessen Träger zu einem großen Teil zwar auch Akademiker waren, für den man aber noch mit einigem Recht Bebels Definition anwenden konnte, er sei der „Sozialismus des dummen Kerls", ist die antisemitische Bewegung der Nachkriegszeit eine in erster Reihe intellektuelle. Sogar in Amerika gibt es einen Antisemitismus an den Hochschulen, der ebenso wie in den zentral- und osteuropäischen Ländern den numerus clausus für die Juden fordert. Von den Rathenau-Mördern war der eine Student, ein anderer Ingenieur. In allen Ländern sind jetzt die Hochschulen die Brennpunkte des aktivsten Antisemitismus. Die Ursachen dieser Erscheinung liegen zutage. Sie sind hauptsächlich wirtschaftlicher Natur: die Studenten gehören zu der neben den Rentnern heute wirtschaftlich am schwersten betroffenen Schicht und der Judenhaß ist das naheliegendste Ventil für die Unzufriedenheit, die nach einem Schuldigen für dieUmwälzungder früheren Verhältnissesucht. Ein anderes Merkmal des Antisemitismus der Gegenwart ist seine Internationalst,

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