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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 109

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 2
Article
Rückblick
Date
1921-01-01
Page
109 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Politik tuierenden" Nationalversammlung — das zeitliche Zusammentreffen des Jubiläums des ersten Zionistenkongresses mit der Mandatsratifizierung wirkt in diesem Zusammenhange fast symbolhaft:— hat das werdende jüdische Gemeinwesen in Palästina seine e*ste internationale Anerkennung gefunden. Mit der Verwirklichung des Baseler Programms, dieser der französischen „Erklärung der Menschenrechte" vergleichbaren Postulierung des jüdischen Lebensrechtes, ist die erste Etappe des Wiedereintritts des jüdischen Volkes in die Geschichte beendet. Unverständlich bleibt, wie die zionistische Organisation bisher allen Ernstes der sich jetzt eröffnenden weiteren welthistorischen Perspektive mit nichts anderem zu antworten wußte, als mit der recht banalen Deklaration der zionistischen Exekutive als provisorischer Agency. Der Mann, der die letzte zionistische Jahreskonferenz in eine „Staatsstimmung" hätte „hineinhetzen" müssen, wenn das nach fünfundzwanzig Jahren zionistischer Arbeit wirklich notwendig war, hat dort offenbar gefehlt. Sonst wäre der Beschluß auf Einberufung des jüdischen Weltkongresses zum Aufbau Palästinas nicht so rein zufällig, so ohne klare Beziehung zur Ratifizierung des Mandats und ohne Einsicht in die geschichtliche Bedeutung einer solchen „gesetzgebenden Versammlung" nach der „konstituierenden" des ersten Kongresses erfolgt. Über diese so ungewöhnlich wichtige und trotz der offenbaren Selbstverständlichkeit ihrer Bejahung doch nur mit ruhiger Vorsicht und ernster Verantwortung zu entscheidende Frage kann hier nicht mehr gesagt werden. Das Problem bedarf einer vielfältigen und umfassenden Betrachtung, und die Aufgabe dieser Umschau ist nicht Darstellung der Fragen der Zukunft, sondern der Tatsachen und Ereignisse der jüngsten Vergangenheit und deren Betrachtung. Was den Stand der jüdischen Siedlungsarbeit in Palästina betrifft, so sind die Palästina-Nachrichten der jüdischen P.esse ein ziemlich untrügliches Barometer. Mit einiger Sicherheit hat sich feststellen lassen, daß die Rubriken über Palästina in den jüdischen Blättern ein richtiges Bild ergeben, wenn man mindestens 50 Prozent, besser aber 75 Prozent aller mitgeteilten Nachrichten über Neugrün- Qungen, Pläne und andere Unternehmungen streicht. Bildlich ausgedrückt zeigt dieses Barometer die Lage gut an, wenn man bei seinem Zeigerstand einen ständigen Fehlerkoeffizienten von mindestens 900 berücksichtigt. Das hängt mit dem noch recht kleinstädtischen Charakter der jüdischen Bevölkerung in Palästina zusammen, von der jede von der Verwirklichung noch so entfernte Idee rasch weitergetragen wird und bei dieser Wanderung von Mund zu Mund bis schließlich zur Veröffentlichung in der Presse oft genug die Form eines festumrissenen und völlig gesicherten Planes annimmt. Andererseits sieht auch das große Palästinainteresse und die von Sorge erfüllte Liebe des Galuth- Judentums vorläufig zwar noch nicht Gespenster, aber in jedem leeren Schemen gleich blutvolles Leben und Körperlichkeit. — Die Nachrichten über die konkreten Fortschritte der Arbeit in Palästina waren nun in den letzten Monaten recht spärlich. Unter Berücksichtigung der erwähnten gleichbleibenden Fehlerkoeffizienten reduzieren sich die neuen Unternehmungen und alle diejenigen Arbeiten, welche ein Fortschreiten der Kolonisationstätigkeit bedeuten würden, so gut wie auf nichts. Das Bestehende mag vielleicht ungeschmälert weitergeführt worden sein. Die Frage aber, die ich im achten Heft des vorigen Jahrgangs dieser Zeitschrift stellte, ob das bisherige Tempo der Arbeit in Palästina der zionistischen Aufgabe, die ich dort in ihrem ganzen Ernst und ihrer furchtbaren Schwere erkennbar zumachen versuchte, entspricht, kann für die seither vergangene Zeit ebenfalls nicht bejahend beantwortet werden. Endlich muß aber doch die Erkenntnis in dem Bewußtsein der Zionisten sowohl wie der Nichtzionisten Eingang finden, daß auf die Dauer, ja nicht einmal auf eine kürzere Dauer dieser Stillstand nicht anhalten kann, ohne daß die kostbarste Zeit unwiederbringlich verloren geht und ein nicht wieder gutzumachender Schaden angerichtet wird. Der Sturz Lloyd Georges und die rein konservative Majorität im neuen englischen Parlament haben die zionistische Leitung auch vor neue politische Aufgaben gestellt. Die dominierende Stellung, welche die wirtschaftlichen Leistungen in Palästina innerhalb des gesamten Aufgabenkreises der zionistischen Bewegung haben, wird dadurch keineswegs berührt. Die politische Arbeit, die nach wie vor und in aller Zukunft zu verrichten bleibt, kann sich auf eine Wahrung des Errungenen beschränken, wenn ein Fortschreiten, auch ein nur in langsamem Tempo erfolgendes, gewährleistet ist. Dann ist bei der trotz der Bedrohung des Zwei-Parteien-Systems wohl

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