Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Eigenarbeit als ökonomische Notwendigkeit der palästinensischen Wirtschaft
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 105 (sequence 3)
- Language
- German
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Bemerkungen: Die Eigenarbeit als ökonomische Notwendigkeit xo5 Eigenarbeit, andrerseits durch Nutzgärten in Dorf und Stadt ein Ende bereitet werden. Das gilt gleichermaßen für privatkapitalistische als auch für genossenschaftliche Wirtschaft. Bei der letzteren kommen aber noch mancherlei Verbilligungsfaktoren hinzu, so daß genossenschaftlich organisierte Getreide- und Gemüsegärtner eher Aussicht haben, billiger als die arabische Konkurrenz und als der isolierte Parzellenbesitzer zu produzieren. Ich erinnere nur an den genossenschaftlichen Bezug und Besitz der Betriebsmittel aller Art, an den genossenschaftlichen Bau der Meliorationsanlagen, an den genossenschaftlichen Absatz, an den Kreditbezug mit Hilfe der Raiffeisenkassen usw. Vor allem wird sich die Genossenschaft mit einem Ertrage begnügen können, der „Löhne" und sonstige Selbstkosten inklusive Rücklagen deckt, während der kapitalistisch wirtschaftende Landbesitzer darüber hinaus sein Kapital zumindest verzinst haben will. Er wird seiner Ansicht nach im Anfang oft mit Verlust arbeiten, während die Genossenschaft — von ihrem Standpunkt aus — bereits gewinnt, d. h. Überschüsse über die Selbstkosten erzielt. Die Genossenschaft wird daher eher als der kapitalistische Privateigentümer einen Betrieb gründen, der auf längere Zeit hinaus nur die Selbstkosten deckt. Solange die Araberarbeit so billig bleibt wie jetzt, wird jüdische Arbeit als erste Etappe erstreben müssen, zumindest mit Gewinnverzicht konkurrenzfähig zu sein. Das ist aber nur einer Genossenschaft oder einem idealistischen Kapitalisten möglich. Wir bemerkten oben, daß die Auswirkungen des Gesetzes vom abnehmenden Bodenertrag paralysiert werden können durch die wachsende Nachfrage einer wachsenden Bevölkerung nach Agrarprodukten, durch steigende Preise. Ebenso muß auch in der industriellen und handwerklichen Produktion der Mehraufwand an Kosten, den eine intensive europäische Arbeitstechnik verursacht, durch eine entsprechende Steigerung der Nachfrage kompensiert werden. Hier zeigt sich aber der Unterschied zwischen ^wirtschaftlicher und gewerblicher Produktion. Steigende Nachfrage verursacht Erhöhung der Herstellungskosten bei Agrarprodukten, Senkung der Herstellungskosten bei Gewerbeprodukten. Es wird immer abgelegener bzw. schlechterer Boden bei steigender Nachfrage in Nutzung kommen, während die Industrie immer vollkommener und billiger arbeitende Maschinen verwenden kann1). Je größer die Alijah sein wird, desto billiger werden Güter und Dienste in Palästina beschafft werden können, weil die städtische Bevölkerung eine absolute Erhöhung der Preise für Agrarprodukte mit Hilfe der absoluten Kostensenkung ihrer gewerblichen Erzeugnisse überkompensieren kann. Wird aber mit einer größeren gewerblichen Produktion in Palästina erst dann begonnen werden dürfen, wenn die landwirtschaft-treibende Landesbevölkerung sich derart vermehrt, hat und derart kauffähig geworden ist, daß sie die Erzeugnisse einer inländischen Industrie aufnehmen kann? Ich mußmich hier auf Andeutungen beschränken: der arabische, ägyptische, mesopotamische Markt ist für Handwerks- und Industrieprodukte ohne Zweifel kaufkräftig. Nur dürfen diese Erzeugnisse weder aus dem Rahmen der durchschnittlichen orientalischen Lebensform herausfallen, noch „europäisch", d. h. oft: geschmacklos sein. Für Bedarfsartikel, die dem konservativen Orientalen noch neu sind, wird vorläufig wenig Absatzmöglichkeiten vorhanden sein. Ebensowenig für europäische Stoffe, Kleider, Schuhe, Klingen usw. Wenn wir aber den Ton von Nablus ausnützen, um stilvolle Teller, Töpfe und Tonwaren aller Art zu erzeugen, wenn wir durch geschickt organisierten Häuteankauf einer Lederindustrie das Rohmaterial für Riemen, Sandalen und Schuhherstellung beschaffen, wenn wir Stoffe mit orientalischen Mustern weben, die dem morgenländischen Geschmack nicht unerträglich sein werden, wenn wir durch einen gut organisierten und gesicherten Transportdienst dem ganzen vorderen Orient stilvolle und billige Produkte zugänglich machen 1) Vgl. Oppenheimer, Theorie der reinen und politischen Ökonomie, 4. A. S. 566.