Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Eigenarbeit als ökonomische Notwendigkeit der palästinensischen Wirtschaft
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 106 (sequence 4)
- Language
- German
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io6 Bemerkungen: Die Eigenarbeit als Ökonomische Notwendigkeit . . . werden, so kann aller Voraussicht nach der Erfolg eines jüdischen Exporthandwerks und einer jüdischen Exportindustrie nicht zweifelhaft sein. Wir werden nur nicht als Europäer europäische Gebrauchsgegenstände, sondern als heimgekehrte Orientalen orientalische Gebrauchsgegenstände mit europäischen Methoden erzeugen müssen. Was unrationell bis jetzt jeder morgenländische Dorfhand werker herstellte, werden die Juden in Palästina mit den vollkommensten Mitteln beschaffen. Mit den vollkommensten Mitteln: soweit es die Höhe der Nachfrage gestattet, unsere Betriebe werden technisch und wirtschaftlich mit derNachfrage wachsen. Auch hier müssen Genossenschaftsbetriebe eher konkurrenzfähig sein als privatkapitalistische, denn sie sind an sich arbeitsergiebiger und können längere Zeit ohne Reingewinn (nicht aber ohne Rücklagen!) produzieren. Die landwirtschaftliche und die industrielle Lohnarbeit ist ihrem Wesen nach immer extensiv, weil der Arbeit in fremden Diensten jede ideelle und materielle Verbundenheit mit den Betriebsmitteln und dem Betriebsergebnis fehlt. Jüdische Lohnarbeit in Palästina, die trotz allen Anfangselans auf die Dauer so verdrossen geleistet werden wird und muß wie jede andere Lohnarbeit auch, kann daher mit der billigeren Arbeit der Araber niemals konkurrieren. Nur die „Privatinitiative" der ganzen Unternehmung, sämtlicher Mitarbeiter, nicht nur eines Einzelnen, des Unternehmers, nur die, individuelle und kollektive, eigene Arbeit für eigene Rechnung kann eine Intensität erreichen, welche durch straffste, aber freiwillige Bindung des Arbeitenden an seine Arbeit die größtmögliche Wirtschaftlichkeit des Betriebes erzwingt. Das Problem der sozialistischen Wirtschaftsordnung ist kein Problem der Gewinnverteilung, sondern das Problem der freiwillig zu erreichenden größtmöglichen Arbeitsintensität. Voraussetzung für die kollektive Eigenarbeit, für die Genossenschaft, ist aber, daß die drei Klippen jedes Wirtschaftsunternehmens, also auch des genossenschaftlichen Betriebes wirtschaftsorganisatorisch umgangen werden: der Mangel an Betriebsmitteln, der Mangel an Absatz und vor" allem der Mangel an Disziplin. Daß es bisher nur in Ausnahmefällen den Genossenschaften restlos geglückt ist, dieser Schwierigkeiten Herr zu werden, beweist noch nichts Endgültiges gegen das System, sondern nur etwas gegen die Zulänglichkeit der Mittel, mit denen man seine Durchführung bisher versuchte. Daß wirtschaftlich und organisatorisch einwandfreie kollektive Eigenarbeit möglich ist, zeigen die vorbildlichen Leistungen der1 im Zentralverband sozialer Baubetriebe organisierten Bauarbeitergenossenschaften („Bauhütten") Deutschlands. Da hier die Betriebsmittel nicht den mitarbeitenden Genossen, sondern ihrer Reichsgewerkschaft, dem Bauarbeiterverband, gehören, war von vorne herein eine der häufigsten Ursachen des „Genossenschaftstodes" ausgeschaltet. So ist die individuelle und kollektive Eigenarbeit der Juden in Palästina nicht nur eine sozial-politische Forderung, sondern so lange auch eine ökonomische Notwendigkeit, als es kein anderes Mittel gibt, der billigeren arabischen Arbeit im wirtschaftlichen Wettbewerb erfolgreich zu begegnen. So muß notwendigerweise die größere Wirtschaftlichkeit der ergiebigeren jüdischen Eigenarbeit letzten Endes die Lohnsklaverei des Fellachen niederkonkurrieren und aufheben. Viele jüdische Arbeiter machen schon heute durch ihr bloßes Dasein die Regsameren unter den Fellachen auf wirtschaftliche und organisatorische Arbeitsmethoden aufmerksam, deren allmähliche Annahme die sozial-wirtschaftliche Emanzipation der arabischen Landarbeiter bedeuten würde. Robert Weiß