Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Eigenarbeit als ökonomische Notwendigkeit der palästinensischen Wirtschaft
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 104 (sequence 2)
- Language
- German
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104 Bemerkungen; Die Eigenarbeit als ökonomische. Notwendigkeit kosten bei „gemischter Wirtschaft" nicht noch immer höher sein würden, als die Marktpreise. Solange der arabische Fellache durch seine eigene Kleinwirtschaft den Preis der Arbeit herabzudrücken imstande ist, werden alle Landesprodukte zu relativ billigen Preisen erhältlich sein1). Zwei Möglichkeiten gibt es, um die natürlich und sozial bedingte Kostendifferenz zwischen Araberarbeit und Europäerarbeit nicht nur verschwinden zu machen, sondern sogar zu überkompensieren. BeideMöglichkeiten kommen ab er nur dann in Betracht, wenn Lohnarbeit durch Eigenarbeit ersetzt wird. Der eine Weg: Veränderung der „natürlichen" Produktionsbedingungen, die in den meisten Landesteilen eine Extensitätskultur geradezu verlangen, Schaffung „künstlicher" Produktionsbedingungen, die einer möglichst großen Menschenmenge auf möglichst kleinem Areal eine Intensitätswirtschaft erlauben. Für die Landwirtschaft heißt Intensitätswirtschaft: Ersatz des Pflugbaus durch die Ackerbeetkultur, d. i. Getreidebau mittels Gartenwirtschaft. Das hat aber erstens zur Voraussetzung, daß durch große Bewässerungsanlagen usw. die nötigen Wassermengen jenen Landesteilen künstlich zugeführt werden können, die bis jetzt „natürlicherweise" an Wassermangel litten. Die zweite Voraussetzung der Ackerbeetkultur ist die E i g e n a r b e i t. Gartenwirtschaft verlangt bekanntlich ungleich mehr Sorgsamkeit als Feldwirtschaft. Da hängt alles vom „Wie" der Arbeit ab. Nur die Eigenarbeit erreicht eine Steigerung der Qualität und Quantität der Arbeit. Es gibt hierfür keinen besseren Beweis als den relativ überreichen Ertrag der kleinen Arbeitergärtchen an der Peripherie der deutschen Städte. Wenn also in Palästina die billige arabische Extensitätsarbeit am Markte der ebenso billigen,* wenn nicht billigeren jüdischen Intensitätsarbeit begegnen soll, dann ist die unerläßlichste x) Nur eine gigantische Steigerung der Einwanderung kann die Marktpreise wesentlich erhöhen, da die vermehrte Nachfrage nicht sofort ein vermehrtes Angebot finden würde. technische Voraussetzung: Wasser, und die unerläßlichste soziale Voraussetzung: Eigenarbeit1). Eigenarbeit verlangt auch die zweite Möglichkeit einer Verbilligung jüdischer Arbeit. Wir müssen es — cum grano salis — den Fellachen einfach nachmachen. Wenn jeder Jude zumindest einen eigenen, genügend großen Nutzgarten besitzt, um sich das notwendigste Gemüse selbst zu züchten, so wird hier ebenfalls die eigene Kleinwirtschaft einen Teil seiner Bedürfnisse decken, und damit die Dringlichkeit seiner Nachfrage nach einem Arbeitsplatz verringern. Wer hauptberuflich in der Landwirtschaft bezw. Gärtnerei tätig ist, besitzt bei Ackerbeetkultur ohnehin eigenen Boden. Da ist die Familienwirtschaft ohne Lohnarbeiter eine arbeitstechnische Notwendigkeit. Bei Pflugkultur (Feldbau) ist der genossenschaftliche Mittelbetrieb dem bäuerlichen Klein- und dem gutsherrlichen Großbetrieb vorzuziehen. Aber auch da wird jeder der Genossen eine eigene Parzelle Gartenland bewirtschaften. Am Rande des gemeinsamen Hauptbesitzes der Genossenschaft siedeln die Kopf- und Handarbeiter der Genossenschaft ihre einzelnen Kleinwirtschaften2). Die Städte aber werden von vornherein so angelegt, daß neben einem kleineren Hausgarten jede Familie an der Peripherie einen größeren Nutzgarten in Erbpacht übernehmen kann. Die Forderungen von T r i e t s c h nach Gartenstädten treffen den Kern des Problems. Selbst bei hauptberuflicher Industrie- oder Handwerksarbeit ist der Gartenstädter von der Produktion der Landwirtschaft nicht derart abhängig wie der europäische Groß- und Mittelstädter von heute. Den natürlichen und sozialen Ursachen der Rentabilität arabischer Extensivkultur und der Unrentabilität europäischer Intensivkultur kann einerseits durch Wasser und *) Vgl. zu all dem die S o s k i n sehen Arbeiten, insbesondere: Kleinsiedlung und Bewässerung, Jüd.Verlag, Berlin; Die Ackerbeetkultur, erschienen in „Erez Israel" Nr. 4. 2) Vgl. Oppenheimer, Die Siedlungsgenossenschaft. Jena, Gustav Fischer.