Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Elieser ben Jehuda
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 100 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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100 Bemerkungen: Elieser Ben Jehuda bald fühlte ich, daß es mehr als ein Traum war, und jedenfalls, daß er mich nie verlassen wird. Meine Seele wurde zum Taumelplatz für wechselnde Gedanken und Gefühle, die aufeinanderstießen. Auf der einen Seite das große russische Volk und die erhabene Idee seiner Befreiung, und auf der anderen Seite eine Vorstellung, die meine Seele mit grenzenloser Wonne erfüllte: die Wiedergeburt des Volkes Israel auf seinem heiligen Boden, Dieses Bild aber wurde zuweilen verdrängt von einem anderen: es erstand dann vor meinen Augen ein kleines, erbärmliches Völkchen, in dessen Enge ♦ ich fast erstickte, das so gering und heruntergekommen und so schwer aufzurichten war. So stießen in mir zwei Nationen aufeinander. Aber der Jude in mir gewann die Oberhand. Mein Los ist nunmehr entschieden. Mein Leben, meine Kräfte sind von nun an der Arbeit zur Auferstehung Israels und seiner Sprache auf dem Boden der Väter geweiht. " Ein schicksalvoller Zufall half der Selbstbesinnung des jungen Perelmann (so hieß er immer noch) nach: er wurde auf den Roman der englischen Schriftstellerin George Eliot „Daniel Deronda" aufmerksam. „Nachdem ich diese Erzählung einige Male gelesen hatte, faßte ich den Entschluß und führte ihn aus. Ich ging erst nach Paris, um am Quell der Bildung und im politischen Zentrum mich mit den nötigen Kenntnissen für die Palästinaarbeit auszurüsten. Dort traf ich meinen dritten Lehrer, der mich ins Zeitungswesen einweihte." Gerade ein Russe mußte es sein, der — 15 Jahre vor dem ersten Baseler Kongreß! — mit tiefem Ernst den zionistischen Ideen Eliesers lauschte und ihm eindringlich riet, diese Gedankengänge zu veröffentlichen. Groß war die freudige Überraschung Eliesers, als sein Artikel, mit dem unscheinbaren Titel „Eine gewichtige Frage" in der hebräischen Zeitschrift „Haschachar" (Die Morgenröte) gedruckt wurde. Der kaum zwanzigjährige Verfasser entwickelte darin ein Programm der nationalen Wiedergeburt, das an kühner Formulierung des Endziels und geschlossener Beweisführung kaum überboten werden könnte1). Die künftige zionistische Massenbewegung wurde mit voller Deutlichkeit als notwendige historische Folge der die ganze Epoche beherrschenden nationalen Freiheitsbewegungen vorausgeahnt. Der Judenhaß wurde ohne jegliche rhetorische Floskel und apologetische Anwandlungen als unumstößliche Tatsache der Rassenverschiedenheit, verstärkt und ausgebeutet durch religiösen Fanatismus und wirtschaftlichen Neid, gekennzeichnet Wollen cöe Juden also nicht als Volk gestrichen werden und ihre tiefe Eigenart gewaltsam der Assimilation preisgeben und wollen sie nicht die bestialischen Raubinstinkte des Pöbels unter den Wirtsvölkern auf sich heraufbeschwören, so bleibt ihnen nur der einzige durch zwei Jahrtausende mit Blut und Tränen geebnete Weg der Rückkehr in. die Heimat übrig. „Warum sollten wir auch nicht dasselbe tun, was alle anderen, kleinen und großen Völker vor uns getan, warum sollten gerade wir nicht unsere, nationale Eigenart hüten, damit sie nicht von der Bildfläche verschwinde? Vergeblich wird unsere ganze Bemühung sein, solange wir nicht ein nationales Zentrum schaffen, das zum Anziehungspunkt für das ganze Volk wird, — vergeblich würde auch die Bestrebung ausfallen, die Sprache zu beleben, solange das ganze Volk unter anders sprechenden Nationen verbleibt. Der Völkerhaß mit allen entsetzlichen Kriegen und allem Blutvergießen wird einmal ganz aufhören und die Völker werden sich die Hände reichen auf dem Wege zum gemeinsame^ menschlichen Fortschritt, — aber die Verschiedenheit der Sprachen und die nationale seelische Eigenart werden deshalb noch nicht verschwinden, und dies zum Glück der Menschheit. Und warum sollte unser Los schlechter sein als das aller anderen Völker?" Es war ein verfrühter Ruf zur sofortigen Tat, der nur der Einzelne, ja, nur ein Einzelner gewachsen war. Noch hatte der erste Pionierzug der „Bilujim" nicht be- *) Neudruck in der Broschüre „Sef er sikaron le Elieser Ben Jehuda", zum 60. Geburtstag Ben Jehudas, New York 1918, S. 75—83.