Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Perez
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 96 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101192-3107729--5826-3107783- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
96 Hermann Wey 1: Perez ,..... Gestaltung, Umgestaltung, des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung". In der Sabbatheiligkeit möchte der fromme Ahn die Welt erlösen, aber das Volk schreit nach dem Werkeltage, unvertrauend, wirklichkeitshart. Eine vier Generationen umfassende religiöse Lebensgestaltung, die uns Zuversicht gibt in geheime Zusammenhänge auch des religiösen und geschichtlichen Daseins. Denn auch hier ist Kreislauf, Einatmen und Ausatmen, wie es Goethe nannte; Systole und Diastole in ewigem Wechsel. Ein Dichter, der solches schreiben konnte, hatte seine innere Heimat gefunden. Er bejahte in seinem Volke ewige religiöse Wahrheiten, sah auch die goldene Kette, die ihn, den Gealterten, seinem Volke verband. In Ergriffenheit und weiser Ehrfurcht trug er jetzt dieses Doppeldasein: Einzelmensch zu sein und einer großen Gemeinschaft anzugehören, und sein Einzeldasein in dieser weltanschaulich und künstlerisch, metaphysisch und religiös vertieften Beziehung mit dem jüdischen Volke, mit der Menschheit zur Erlösung zu bringen. Kaum merkte seine ihn vergötternde Umgebung von seinem allmählichen Älterwerden. Äußerlich war er sprühend geblieben, bewegte sich leicht wie ein Junger, zeigte keinem sein innerliches Aus-dem-Leben-Wachsen. Immer ja war er einsam und ein verschwenderisch Schenkender, ohne je mehr empfangen zu wollen als Liebe, Freundschaft und Heiterkeit. Er alterte und erkannte mehr und mehr sein letztes Verbundensein mit allen Tagen der jüdischen Vorzeit; und hatte die eine große Sehnsucht, die altbiblischen Bücher „Koheleth", „Hiob" und „Mischle" ins jiddische zu übertragen. (Die Warschauer Zeitung „Das Leben" brachte einen großen Teil seiner ,, Koheleth*'-Übersetzung.) Jetzt erscheint der Ring seines Lebens geschlossen. Er bejaht das Leben trotz aller Leiden, hat in höchster Selbstbesinnung und Weltliebe sich mit der Umwelt und' dem Universum in Harmonie gebracht. Der Gealterte sitzt in seiner häuslichen Einsamkeit, übersetzt und liest „Koheleth". Auch er war ein König, hatte vieles gelebt und überwunden, sehnsüchtig und entsagungsreich. Geheimnisvoll pochte er an die jüdische Weltseele, stand — ein Wissender —■ am Ende seines bewegten Lebens. Er sah die ewigen Zusammenhänge, wie göttlich und unabwendbar das Schicksal geschieht. Er las den Prediger und mußte sein eigenes Geschick tief ergriffen mit dem Schicksal des königlichen Weisen vereinen. Ist ein Ding, man spricht: siehe, neu ist es — Längst war es in Zeiten, die vor uns waren. Kein'Gedächtnis gibt's an die Früheren, und auch der Späteren, die sein werden, wird nicht gedacht sein, wenn sie ruhen in aller Spätzeit. Aber dem Prediger gleich hatte er sein eigenes Leben gebildet, fühlte sich in höchster Selbstgestaltung dem Volke, dem Weltall, der Gottheit geeint.