Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Perez
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 95 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Perez 95 und vollzog eine Synthese, die ganz in seiner Liebe zum Volke verwurzelt war* Humor und schmerzliche Ironie sind gütig-lächelnder Ausdruck für die eine immer wiederkehrende Tatsache, daß Schmerzen vergänglich sind wie Lust, daß in allem Menschendasein lebendige Seelenhaftigkeit wirkt, rastlos nach Vollendung und Glückseligkeit strebt. Das ganze Gefüge des menschlichen Bewußtseins deckt er so fast unbewußt auf, wie mancher an einem Abgrund stehend, mit einigen Blicken sich genügen läßt und alle Gesichte der Tiefe in dem Wenigen schon mit sich trägt. Dieses — ich möchte es Substanzgefühl nennen—-dieses Substanzgefühl an denDingen gibt er bezwingend, wie hingeweht, ihreLebensverknüpftheit in tausend Bindungen, aus denen gleichwohl gerade dieser eine Mensch hervorleuchtet; ähnlich wie bei bestimmten metaphysischen Weltansichten gerade in den tausend Bindungen, in aller Vielfältigkeit der Erscheinungswelt, die eine hinter allen wirkende ,,Substanz" ganz seherisch entfaltet blieb. — Er umkreist alle Rätsel des seelischen Lebens und stellt in einer seltsamen Novelle „Der närrische Batlen" nichts geringeres als die Frage nach unserem Selbstbewußtsein überhaupt. Dieses wahrhaft philosophische Problem, im ganzen abendländischen Denken wirksam, in den orientalischen. Mythen, in den indischen Religionen und Spekulationen, diese tiefsinnige Frage nach dem Wesen unseres Selbst, nach dem Rätsel, daß wir überhaupt sind und was wir eigentlich sind, findet im Hirn eines Narren ihr grotesk-tiefsinniges Spiegelbild. Im leeren Bethaus läuft der Arme umher und schreit in plötzlicher Erstarrung: „Herr der Welt, wer bin ich?" Und entfaltet in fast diabolischer Folgerichtigkeit alle Seiten dieser Fragestellung. „Ich will wissen, wer ich bin." „Ich bin doch in mir." „Wenn ich zum Beispiel auf die heilige Thoralade klettere, so bin ich doch ganz oben, unten wird nichts von mir zurückbleiben." „Herr der Welt, wer bin ich?" Ein krankes Hirn wirft Fragen auf, die noch keine Philosophie zu lösen vermochte, da sie eben immer als Fragen, das heißt als aufgedeckte Irrationalitäten bestehen bleiben müssen. Cogito, ergo sum. Aber diese in sich selbst gewisse Tatsache des Cogito kann in ihrer Existenzunmittelbarkeit nicht auch noch bewiesen und begründet werden. Was .wir an Perez' Dramatik als romantisches Einander vermählen dei Gestalten, Überwinden der individuellen Vereinzelung bezeichnet haben, wird im Traumspiel „Die Nacht auf dem alten Markt" ganz deutlich. Fast symphonisch schließt sich dieser Seelen-Vielklang von Lebenden, Erscheinungen, Toten und „Figuren ohne Leben"; ganz musikalischer Lebensrhythmus, der .alle diese Getrennten und Geschiedenen als tief im dichterischen Herzen Geeinte dahinträgt. So bleibt auch das Meer großartige und tröstliche Gewißheit, und brandet in allen Wellen als die immer gleiche empor. Die schon genau charakterisierte religiöse Lebendigkeit zeigt sich in seinem Drama einer chassidischen Familie „Die goldene Kette". Ein Urwille sucht neue und immer neue Verwirklichung, eine Seelenerfülltheit verströmt in immer neuen .Inhalten und Taten. So wie es bei Goethe, in etwas anderem Sinne allerdings, heißt: