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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 94

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 2
Article
Perez
Date
1921-01-01
Page
94 (sequence 4)
Language
German
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94 Hermann Weyl: » Eine Weltanschauung formte sich so, ganz von der übermütigen und drohend-selbstgewissen seiner Jugendzeit verschieden. Tief sah er die Verschlingungen des menschlichen Daseins nun; erkannte, daß alles nicht so einfach zu lösen wäre. Einsicht wurde ihm in die tiefgeheime Dämonie, des Lebens, in notwendige Tragik, in Leiden und Verzicht. Ein künstlerischer Weltblick, der zunächst einmal das Wirkliche, das S e i - e n d e bei seinem jüdischen Volke sieht: harte Notwendigkeiten, Fesseln von außen, Ketten von innen, denn diese um ihr Dasein ringenden Menschen können einander nicht immer als Bruder erkennen, einander nicht immer geschwisterlich betreuen. Kinder eines Volkes alle, und doch oft Feinde und Hasser, weil in jedem der eigenpersönliche Trieb ganz naturnotwendig keimt und wuchert, weil Kampf um das nackte Leben, Armut, Neid, Mißgunst, Bosheit in der Enge ihres Zusammenlebens notwendig entstehen mußten. Ein Dichterauge ruht auf allem Treiben, vergräbt es tief ins Gemüt und überstrahlt es mit der Schwermut einer mitleidenden Güte. Viele metaphysische und religiöse Motive klingen in seinen Werken an, ohne daß er je den Drang verspürt, sicher es auch nicht vermocht hätte, das Vielfältige zur Einheit zu bringen. Ganz typisch war es so: am Kunstwerk, am jedesmaligen Vorwurf seiner Gestaltung lebte er sich auch metaphysisch und religiös aus, denn in jede echte geistige Gestaltung gehen mannigfache Motive und Seelenstrebungen ein, verwirklichen sich mit, mehr oder weniger erkennbar bleibend. In allem sind es Bekenntnisse zu einer reinen Menschlichkeit, aus jeder Kreatur leuchtet ihr ewiges Auge. Aber der harte, wohl auch das Leben einzig ermöglicheiide Erdenrest stört und hemmt den Aufstieg. Vieles wird zur Anklage, weil es seinem Wesen nach Rechtfertigung sein möchte. Alle Armen, rastlos und zwecklos Ringenden zeigt er, in einem letztlichen Erlöserstreben. Das weite chassidische Volksleben fand seine besondere Liebe, denn hier stiegen aus innerster Not Eigenkräfte, vertieften jede Alltäglichkeit und steigerten jedes Kleinste in ein heiliges Symbol. Dazwischen stürzt hart diese ganze Welt von Sachen, die sich stoßen; unseelische Dinge, dagegen jeder edle Sinn sich aufstemmt; Materie, die körperlichen Notwendigkeiten erliegt, wie Steine, Baumstämme nicht wegzuträumen. So entsteht die tiefe Bewegtheit, ein dramatisches Auf und Nieder in allen seinen Werken, und keine Menschen kämpfen miteinander mehr, eine U r v i e 1 - f a 11 de r ganzen Schöpfungswelt hat in jedem einzelnen Menschen, in seinem Widerstreit sich versenkt und verwirklicht, Urgegensätze sind in allen menschlichen Gegensätzen nur Erscheinung geworden. Alles ist so bei Perez nur aus dem Innersten zu begreifen. Metaphysisch verankert wird dieses ganze Treiben und Stoßen der Menschenwelt; alles urtümlich aufgefaßt, weil von ewigen Gesetzen getragen. Aber sein sittlicher und religiöser Trieb kann dabei sich nicht beruhigen, aus allen Werken spricht unmutvolle Bitternis und die hoffende Gewißheit auch menschlicher Erlösung. Immer näher begriff er sein jüdisches Volkstum jetzt, im Positiven und Negativen, strebte hin zur weltanschaulichen und religiösen letzten Tiefe

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