Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Perez
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 93 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Perez 93 glühenden, revolutionären, pietätlosen Ideen, der nur an eines glaubt: an verständiges, geistig unbeschwertes, naturhaftes Menschenglück; noch keine notwendigen Zwiespälte sieht, jäh aburteilt und allen Suchenden, die nicht sein hartholzgeschnitztes Ideal schon teilen, mit heroischer Gebärde den einzig möglichen Weg zur Glückseligkeit weist. Soziale Gedichte, Legenden, Balladen werden Gefäß für seinen volksbeglückenden und gestaltenden Trieb, ohne daß er in ihnen sich restlos ausgewirkt hätte. Die episch-prosaische Kunstform war ihm eigentlich gemäß, und je mehr er in ihr schuf, um so mehrwurde er im edlen Sinne wirklich und objektiv, sah dieses menschliche Gefüge, den jüdischen Volksorganismus und mußte, je tieferer ihm verhaftet wurde, auch sein künstlerisches Temperament ihm anpassen, da immer eine Wechselwirkung zwischen Künstler und Gegenstand der künstlerischen Gestaltung geschieht. Wohlvertraut mit den modernsten Strömungen der fremden Literaturen nahm er überall das ihm Gemäße an und schuf es für sich um; und da er selbst vielfältig fühlte, sehen wir ihn zugleich als Realisten und Symbolisten, als wirklichkeitsstarke und romantische Natur. Einlochte sein Schöpfertum nicht begrenzen, und heiter seiner Genialität vertrauend, hoffte er stets in angemessenem Ausdruck und angemessener Form das Wesentliche und künstlerisch Wahre zu geben. Daher ist es untergeordnet und eng, nach seinem Kunststil zu fragen. Er gestaltete aus der Fülle seines Lebens, da wurde seine Gestaltung lebenserfüllt. Der russische Mensch und die Kunst der großen russischen Zeitgenossen waren ihm ebenso tief in ihrer Bedeutung bewußt, wie Hauptmann, Maeterlinck und die nordischen Dichter; er konnte bewundernd anerkennen und doch ein Eigener sein. Tiefsinnig und ernst gleitet dieses Lyrische, Sanghafte über seine vollsinnliche, anschauliche Prosa, eine seelische Bewegtheit, die weise und meisterlich komponiert und dem inneren Gesetz seines Künstlertums nachfolgt. So wurde er Novellist, der eigentlich auch in Prosa meist Gedichte schrieb. Rhythmisch, wie Wellen, stürzen die Sätze dahin, leuchtende kaskadische Melodien. Im Drama sah er auch besonders das tief Lyrische, rein Poetische, keine streng in Charakteristik sich auswirkende Handlung und Gegenhandlung, ganz entfernt von ausgesprochen dramatischer In-sich-Abgeschlossenheit und mehr oder weniger gewalttätiger Gegeneinanderstellung der Gestalten; mehr Ineinanderfließen der Gestalten, mehr ein romantisches Einander-Vermählen auch der nach dem Schicksal der Vereinzelung notwendig getrennten und geschiedenen Kreaturen, die doch Alle Teile der Menschheit sind. Eine Überwindung der in unserer Erdenwelt notwendigen principium individuationis, das auch viele Metaphysiker erkannt und zugleich überwunden haben. Denn Perez trug in seinem Herzen dieses verklärte Bild der reinen Menschheit und einigte auch alles Geschiedene und Getrennte, alles Feindliche und Sich-hassend-Zerstörende in einer Art unio mystica, deren tiefbewegter Pulsschlag aus seinem Innern sprühte. '