Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Auszug
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 89 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101192-3107728--5818-3107776- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Auszug 89 Wir fuhren weiter bergauf und bergab, von Flecken zu Flecken, von Städtchen zu Städtchen. Je mehr wir uns der beßarabischen (jetzt rumänischen) Grenze näherten, desto stärker spürbar war die palästinensische Leidenschaft, die sich der jüdischen, Massen bemächtigt hatte. Gerade hier lebte es sich besser, als in den Zentren der Sowjetmacht, hier mußte sie vor den Notwendigkeiten der freien sozialen Verbindungen und der autochthonen Aufgaben des Gemeinwesens manchen Schritt zurück wichen. Trotz der besseren Lage aber: welche Begeisterung, welches tiefe Gefühl, welcher Wille, das heilige Land zu kolonisieren! Schon hier, in den Schneefeldern Podoliens, noch abgeschnitten vom < Leben der großen politischen Welt, wurde ich des Mißverständnisses gewahr, das sich zwischen der Sehnsucht der jüdischen Massen und der Tat ihrer Politiker auf tut. Ich sah die. rührigen Leiter zionistischer Komitees; sah auch zionistische Führer im eigenen Wanderzug. All diese Politiker*gleich den anderen jüdischen Politikern, die in den Weltstädten hausen, haben eine ganz leise Ahnung von jenem historischen Gefühl, das sich der Jüdenheit bemächtigt hat. Wenn der Jude sein Städtchen verläßt und den Blick gen Jerusalem wendet, so ist es ihm gleichgültig, ob. Palästina Häuser genug besitzt, um ihn zu beherbergen, sein Bewußtsein wird nur sehr leise von der Araber frage berührt, und was die englischen» Politiker und selbst der englische Konsul, der ihm das Visum auszustellen hat, darüber denken — all das läßt ihn ganz kalt. Im Gegensatz zu den ,,Politikern" ist er gar kein Legitimist. Es lebt in ihm etwas vom Missionsdrang, er wähnt den Schicksalsruf der Geschichte vernommen zu haben. Man vergesse nie: mögen die anderen Völker an Geschichte übersättigt sein, der erwachte Jude ist es nicht, er leidet im Gegenteil an Hunger nach Geschichte. Was Meiv schenhände vermögen, das kann auch er, vielleicht noch besser als seine „Politiker". Ihn verlangt es aber nach Forderungen, die unvermeidlich sind, nach Befehlen, die von oben, von der Gottheit selber erlassen werden. Der messianische Glaube war ja stets sein Ersatz für den eigenen historischen Aufbau. Der unheimlich-tragische Sabbatai Zwi drückt voller sein Streben und Können aus, als der Weltmann Theodor Herzl. In Wahrheit ist der Jude eher ein historischer Missionist als ein solcher Legitimist. Der Gegensatz zwischen denen, die ich Legitimisten und Missionisten genannt habe, bereitet sich heute erst vor; er ist wieder einmal, wie schon so oft im Verlauf der jüdischen Geschichte, am Beginn einer seiner Äußerungen. Daß der historische Missionsdrang eine Macht ersten Ranges darstellt, die auch politisch bewertet werden muß, das werden bald auch die Politiker einsehen. Und dann wird man es auch verstehen — was bereits der schlichte Jude intuitiv erfaßt hat — daß der gesamte legitimistische Zionismus, von Herzl veranlaßt und von den Realpolitikern als Ausgangspunkt statuiert, seinem Wesen nach noch eine Spielart der jüdischen Assimilation bedeutet, Assimilation nämlich an das historische Gebaren und die politischen Ma-