Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Auszug
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 90 (sequence 14)
- Language
- German
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90 David Koigen: Auszug nieren der europäischen Wirtsvölker. Das historische Gefühl der Juden liegt aber tiefer, es weist eine eigene autochthone Sphäre auf. Und wenn diesem nicht Genüge geleistet wird, so steht es schlecht um diese historische Bewegung innerhalb des Judentums. Schon jetzt ist die Gefahr groß, daß die Jugend in die Arme bolschewistischer Geschichtsbarbarei und ähnlicher Aspirationen gerät. Der Legitimismus als Ausgangspunkt, als erster Beweger des historischen Bewußtseins und Tuns im Judentum ist unzulänglich, ja nicht einmal als Methode reicht er aus. Nur mit seiner Hilfe ist es kaum möglich, auch die übrige Welt von den historischen Notwendigkeiten des Judentums dauernd zu überzeugen. Bereits in den Schneefeldern Podoliens wurde mir die Erkenntnis zuteil: daß die Spirale jüdischer Geschichte, die sich zur Zeit auf tut und ihren Radius erweitert, sich sehr leicht wieder schließen kann — dank jener Legitimisten, die ja zwischen historischer und rein zivilisatorischer Kolonisation nicht genügend zu unterscheiden verstehen. Als die Pilgrimväter sich nach dem amerikanischen Kontinent einschifften und Neu-England ins Leben riefen, fragten sie weder nach „Mandaten", noch bekümmerte die Wüste sie allzu sehr, die sie vorfanden. Die Magna Charta ihres politischen Seins schrieben sie bereits unterwegs, die war mit ihrer Schicksalsgemeinschaft gegeben. Und nur die jüdische Schicksalsgemeinschaft ist es doch, die letzten Endes Palästina und noch manche andere Gebilde historischer Art aus sich heraus stellen kann und auch wird. Die große Tat des zionistischen Legitimismus, die darin bestand, das politische Kraftgefühl der jüdischen Massen gestärkt zu haben, ist in Gefahr, sich selbst aufzuheben. Es war Leidenschaft, es lag Missionsdrang in den Menschen, die sich an den Grenzen der Sowjetukraine und Bessarabiens sammelten. Die Emigration, die einst vom Westen nach dem Osten geführt hatte, machte nun den umgekehrten Weg. Mit einigen Ausnahmen, die wirkliche Bourgeois waren, gab die Masse als Ziel ihrer Wanderschaft den amerikanischen Kontinent oder das jüdisch-englische Palästina an. Einst richteten die Alten, die Greise ihren Blick gen Jerusalem, um im Gebet an der Klagewand dem irdischen Lebensende entgegenzusehen. Die Jugend dagegen strömte nach der Neuen Welt, um so, an dem allgemeinen Zivilisationswerk sich versuchend, das östliche Ghetto völlig abzustreifen. Jetzt ist es umgekehrt: die Alten, die Gebrechlichen, Männer, Frauen und Kinder eilten zu den Ihrigen nach Amerika, das mittlere Alter samt der kräftigen Jugend wollte durchaus nach Palästina- Im Winter 1920/21, wenigstens als ich mich an den Grenzen der Ukraine und Bessarabiens aufhielt, war die Palästina-Stimmung in der Bevölkerung so stark, daß jeder Palästinafahrer schon von vornherein der Sympathien der Juden und nicht nur dieser allein gewiß war. Vor der inneren Notwendigkeit, die als Schicksal und Fügung sich offenbart, kniet der ärgste Feind und Skeptiker nieder. Ob es auch jetzt so ist, ob es fernerhin so bleiben wird — wer vermag es zu sagen. (Schluß folgt.)