Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Auszug
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 88 (sequence 12)
- Language
- German
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88 David Ko i gen: klugen Augen, in denen ganz leise eine resignierende Ironie schimmert, läßt Gespräche über Lebensmittelpreise und ähnliches gar nicht zu. Wir feiern ja „Hochzeit". Natürlich beehren uns auch Vertreter der Tscheka mit ihrem Besuch. Sie sind auf der Suche nach Petljuras Leuten. Die Gefahr zieht auch diesmal vorbei. In der vierten Nacht sollte die Reise weiter gehen. Erst aber galt es, unsere Zeche zu bezahlen. Wir alle sind, offen gestanden, besorgt. Wie hoch wird uns die große Liebenswürdigkeit des vornehmen Wirtes angerechnet werden? Schon gut, schon gut, die Rechnung wird ,im kommenden Jahre in Jerusalem* präsentiert." Und diejudenheit von Woronowitzy glaubte zuversichtlich an das auferstandene Jerusalem. Sie legte kein sonderliches Interesse an den staatsrechtlichen Spitzfindigkeiten der europäischen Politik an den Tag, ja, sie hatte auch den Glauben an den Unwert des Geldes. Das Wollen der Jugend sei entscheidend — sagte mir unser Hauswirt. „Und nun —• überzeugen Sie sich selber — die bekundet ein tiefes und starkes Wollen." Seine eigenen Söhne und auch deren Freunde, die noch vor zwei Jahren an einer russischen Universität studierten und völlig den Forderungen der russischen Politik und russischer Kultur ergeben waren, die seien jetzt gar nicht mehr zu halten. Die gesamte Jugend des Städtchens bereite sich für das schwere Amt der Chaluzim vor. Selbst die Kommunisten unter den Juden kämpften jetzt einen inneren Kampf mit sich selber. „Und auch ein Christ, der junge blonde Herr dort, der seines Zeichens Maler ist, will ein „Ger" werden, möchte nach Palästina." Als der Abend des dritten Tages gekommen war, verwandelte sich der „Gasthof" in ein wahres Packhaus. Väter und Mütter kamen und gingen, alles war mit den Vorbereitungen zur weiten Fahrt beschäftigt. Noch im letzten Augenblick entschlossen sich Eltern, auch ihre jüngeren Söhne zu entlassen. Gegen drei Uhr nachts standen sie alle im Flur und sangen im Kreise. Eine Geige klagte weinerlich und von Zeit zu Zeit entströmte ihr eine lang vergessene, traurige Weise. Ich glaubte mich irgendwo in der Weltstadt zu einer Zeit, als noch der Leierkasten uns von verblichenen Siegen und schweren Niederlagen zu erzählen pflegte. Ebenso sentimental und sehnsuchterweckend, ebenso unbeholfen in Wort und Ton, drückten nun hier die jungen Auswanderer ihre Unentschlossenheit und zugleich ihre Hoffnung im Gesänge aus: „Steit a Boim mitten im Feld, hot sich eingeboigen, „Fohrt a Jid kan Erez Isroel mit verwanten Oigen — „Gott, Gott, starker Gott! Lomir dawnen Minche! „Kirnt a Jid kan Erez Isroel — wet san groiße Simche. „Gott, Gott, starker Gott!..... Ich wa/ ergriffen. Die Worte des Psalmisten lebten auf einmal wieder auf. Mit irdischen Augen sah ich, wie „sie hingehen, hin und weinen, und tragen edlen Samen'*. Aber, daß sie auch „kommen mit Freuden, und bringen ihre Garben" — dies zu wissen, war mir bisher noch nicht vergönnt. Mir ist so bange um diese jungen Menschenleben.