Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Auszug
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 87 (sequence 11)
- Language
- German
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Auszug 87 Rot, Gold und Frauenstimmen und diesmal auch die Stimme einer auf einem feurigen Roß galoppierenden Israelitin: ,, Glückliche Fahrt, ihr Glaubensgenossen, auf Wiedersehen in Jerusalem!" So sah ich zum letztenmal das kämpfende, heidnische, neue Russenland. Keine Galiläer mehr. Lauter Prätorianer, getrieben vom Dämon, umwoben vom Lorbeerkranz des kriegerischen Gottes. Fahret fort, ihr bösen Gespenster! Der Wind nimmt ab, es glättet sich der weiße Schnee, das Wunder löst sich auf. Verzeihe mir die ungewollte Sünde, lieber Jechiel! — „Eh, ihr Rosse, Kanaillen, meine lieben Teufel, und du Gelber. — Was seid ihr an die Erde gewachsen? Nu, nu, was, ihr habt wohl in eurem Leben wenig Moskowiter,, noch keine „Fonje" x) gesehen? Rascher, Jungens, weg von jenen Teufeln in Menschengestalt!" Wir fliehen, wir schlingen beinahe den Raum in uns hinein. Man wird in die Luft geschleudert, und fällt wieder in den Wagen zurück. Hier sollte man Schlitten fahren, wie jene da. Der Boden ist hügelig, am Horizonte zeichnet sich ein bergiges Land ab. Wir sind in Podolien. Ich raffe mich auf. An Podolien grenzt ja doch jene wolhynische Erde, deren Schoß meine nahen Vorfahren birgt. Wenn man älter wird, liebt man ja aufs Neue die Natur, die Mutter Erde. Man sucht und findet jetzt einen eigenen, inneren Weg zu ihr. Das hügelige Land macht mich ein klein wenig trunken, es -»zaubert ein eigenes Leben aus sich heraus. Podolien, du bist schon ein Land, mit dem man leben kann. Bald soll sich die Sehnsucht derer erfüllen, die%,einen Juden sehen" wollten. Die roten Dächer des sauber gewaschenen Städtchens Woronowitzy sind sichtbar geworden. Nur noch einige Stunden im Frost ausharren, bis ein der Armee folgender, mit Munition beladener Wagenzug den Berg erreicht hat. Und dann hinunter, ins Städtchen, wo noch ein Fabrik-Schornstein raucht und Eisenbahn-Lokomotiven pfeifen. Die Zionisten unter unseren Wanderern regen sich. Sie tappen im Städtchen herum nach Gesinnungsgenossen. Starke, junge Leute kommen, um uns abzuholen. Der alte X. verfüge über eine große Wohnung, habe die gesamte Mannschaft samf Wagen und Pferden zu sich geladen. ,,Nein, wir möchten in einen Gasthof, wir bedürfen der Ruhe." — Schon gut. Das Haus des Alten sei ein vorzüglicher Gasthof, er selber ein aktiver Zionsfreund und zwei seiner Söhne sollen diese Tage mit anderen Chaluzim nach dem heiligen Land abfahren. Güte Gelegenheit zusammenzufahren. — Und die „Tscheka"? — Natürlich wird auch Woronowitzy von einer „Tscheka" verwaltet, es hat aber nichts zu sagen. Wir feiern heute noch Hochzeit miteinander! Nur rasch. Frauen und Kinder voran. Die Männer gehen durch eine andere Gasse. Der Samowar wartet bereits auf alle Palästinafahrer. —- Volle drei Tage werden wir aufs glänzendste beköstigt. Der Hausherr, ein hoher, schlanker Mann, mit langem schmalen Vollbart und sehr *) Der Jude nennt oft den Russen „Fonje", was wohl auf die — auch von der neueren Forschung bestätigte—Tatsache hindeutet, daß ursprünglich Finnländer und Russen miteinander verwandt waren.