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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 86

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 2
Article
Auszug
Date
1921-01-01
Page
86 (sequence 10)
Language
German
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86 David Koigen: Der Frost nahm zu, es brach ein förmlicher Sturm aus und wirbelte ganze Schneesäulen auf. Wir liefen unseren Zelten zu Fuß nach und uns zur Seite eilten brennende Schneesäulen, so daß es mir mitunter scheinen wollte, die Wolkensäulen, die den Vorfahren als Wegezeiger in der Wüste dienten, gäben uns jetzt das Geleite. Wie herrlich sind deine Zelte, Jakob! Sie dauern ewiglich. Deine gesegneten Kinder und Kindeskinder bedurften ihrer, als die Kreuzfahrer mordend nach dem heiligen Grabe zogen; sie waren nötig, als die dir selbst entstammte Kirche der Christen, um den göttlichen Ruhm zu vermehren, eine Inquisition veranstaltete; sie leisteten ihren Dienst, als die zivilisierten Völker in die politische Sackgasse geraten waren, und sie schirmen auch uns heute bei unserer Flucht aus dem Wirrsal, das die Schriftgelehrten Revolution oder Reaktion nennen mögen. Wie herrlich sind deine Zelte, Jakob! Sie dauern ewiglich. Nun aber heißt es Halt machen auf offenem Felde, da wo die Schneestürme ihre Schlacht am tobendsten führen. Die Armee der Sowjetmacht mit Budjony an der Spitze zieht gen Süden. Es ist fast ein Wunder: schon seit beinahe zwei Stunden geht das und noch immer will das Fluten von Menschen, Tieren, Geschützen und Munition nicht aufhören. Kavallerie, Artillerie und Dreigespanne galoppieren vorbei ohne Anfang und ohne Ende. Fröhlich, muliter, als würde hier die Feier eines Weltsieges begangen, galoppieren und wälzen sich Rosse und Menschen vor Freude und Übermut. Fahnen, ganze Wälder von Fahnen und rote, mit Gold bestickte, feurige Blitze zurückstrahlende Tücher, die um Schlitten, Pferde und Geschütze gewickelt sind. „Eh, zur Seite, mach Platz!" — und stramm, munter, heldenhaft gehts vorbei. Meine Augen weiden sich an dem Glanz der Heerschar. Mein Freund Jechiel bewegt noch immer die Lippen und flüstert leise: ,,Wird diese Heidenrotte gar kein Ende nehmen? Ich will einen Juden sehen/' Ich verstehe ihn nicht mehr. Ich mache mich los von ihm, ich lebe mit der Schar der glänzenden Heiden. Das Herz schlägt stärker, das Blut ist recht in Wallung gekommen, die „Historie", die leibhafte Historie galoppiert vorbei. Es rasselt und klingelt und pfeift: Jugendträume sausen da vor mir vorüber, ach Jugend, Jugend, wie bist du verführerisch! Haltet an, ihr Heiden! Nur ein Wort, nur eine Forderung, nur ein „Aber!" Der Wind zerstreut meine Wünsche. Kein „Aber!" gilt hier, nur das „Entweder —■" oder". — Die Bundeslade, wo ist eure Bundeslade? Keine Antwort. Nur immer wieder: „Eh, zur Seite, mach Platz!" Die Geschichte, verstehst du dieses Wort, der Dämon der Geschichte galoppiert vorbei. Und manchmal fragt er, nur im Scherze, lachend und doch etwas vorwurfsvoll, und gar ein wenig verächtlich, fragt so im Vorbeisausen: „Wohin, gute Leute? Nach Amerika, nach Palästina, zu den Westlern? Kehret lieber zurück, bei uns soll es besser werden, ihr kehrt noch alle zurück!" Ich reibe mir die Augen. Pfui Teufel, was für Versuchung! Auch dies soll dir armem Menschenkind nicht erspart sein. Wozu noch diese Schmach? Zurückgebliebene Dreigespanne kommen angefahren. Wieder

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