Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 85

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 2
Article
Auszug
Date
1921-01-01
Page
85 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101189-3101192-3107728--5814-3107772
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Auszug 85 Soldaten. Man sang, schrie und johlte. Die Avantgarde der roten Armee, die jetzt aus der rumänischen Grenze nach der Kiewer Gegend zog, war da. Das Dorf wurde geweckt, durch die winzigen Fensterlein der Bauernhäuschen leuchteten zögernd die Brennhölzer. Auch in unserem Quartier sah es hell und dennoch gespenstisch aus. Kosaken, Soldaten kamen, gingen und kamen wieder. Der Bauer setzte ihnen Kartoffeln vor; sie forderten Brot, Speck und Butter. „Na, na, Väterchen, nur nicht knauserig, nur etwas mehr Gastfreundschaft! Und wo ist die schöne Maid? Verheiratet, was, ach ihr Schelme! Und wer sind diese Sonderlinge da? Fahrende Sänger, was? Hol euch der Teufel, ihr Chochols samt der Judenheit!" Sie gingen und kamen wieder, — Ich schaute mich um. Neben mir auf einem Sack nickte meine Frau, der Junge schlief und die übrigen Reisegefährten lagen auf dem kalten Boden, unbeweglich wie Tote, Mir aber wurde der Boden allzu heiß. Die Situation war gefährlich. Es galt zu handeln. — Wer ich sei? — ,,Ein Lehrer, der seine Familie nach Mohilew begleitet." — ,,Und die da?*1 — „Arme Wanderer, die nach einem Brand einen neuen Wohnplatz aufsuchen, arme, arme Leute!" —• „Wozu das viele Reden? Wollen die Herrschaften uns nicht einen kleinen Schmaus anbieten, man ist ja müde von der Reise und die Nacht ist lang." —• Und dann wieder: „Schon gut, schon gut, aber ich wünschte, daß die Dame mir ein Hemd aussucht". „Und mir eine warme Weste!" — „Aber mit Vergnügen, da sind drei Hemden für euch drei und da ist die Weste". —■ Sie zogen ab und kamen wieder und es kamen auch andere. Und so ging es die ganze Nacht. Das Fordern der Burschen wollte kein Ende nehmen. Und immer aufs neue hieß es zwischendurch: Wer, warum, wohin? „Und weshalb schlafen diese da, was führen sie in ihren Säcken?" — Dem äußerst angestrengten, von beiden Seiten fein gespielten psychologischen Duell, das all unsere seelischen Kräfte in Anspruch nahm, machte erst der anbrechende Tag ein Ende. Ich sprach mit dem roten Kommandeur, der ein früherer Feldwebel war, er möchte uns doch abziehen lassen. Die Soldaten verlangten Stiefel. Der Kommandeur drückte ein Auge zu, und als die Burschen allzu frech wurden, jagte er sie auseinander. Ich erhielt auf-einem Fetzen Papier mit der unleserlichen Handschrift des Kommandeurs einen Ausweis für den Wachtposten. Ich, als „Lehrer", und er, als „Kommandeur", sprachen ganz anders miteinander. Wir waren ja beide zwei „gebildete" Menschen. „Aber was ist von jenen Muschiks zu holen? Fahren Sie nur in Frieden!" Wieder ein ganz zart gesponnenes psychologisches Netz! Wie sich alles anstrengt und zu Tode martert! Nun saßen wir wieder in den Zelten Jakobs, und fuhren im Galopp von dannen, wie es nur unsere armen Gäule erlaubten. Gelobt sei Gott, der Herrscher im Himmel und auf Erden! Wieder eine große Gefahr hinter uns. Das Dorf Tschastliwoe hat nun am Ende seinem Namen die Treue gehalten. Ich wünsche allen Kindern des Menschengeschlechts eine glücklichere Herberge, möge sie auch einen weniger verheißungsvollen Namen führen!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.