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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 84

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 2
Article
Auszug
Date
1921-01-01
Page
84 (sequence 8)
Language
German
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84 David Koigen: der Roten sei „diesem Teufel in weiblicher Gestalt" auf der Spur« Wir biegen um, machen einen großen Umweg und treffen versprengte Fuhren aus unserem Zuge. Mancher klagt und bereut. Zwei Fuhren seien bereits zurück, unterwegs nach dem Städtchen. Es wird der Vorschlag erwogen, sich der Eisenbahnlinie zu nähern. Die Erwägung, daß die „Tschekisten" (Mitglieder der gefürchteten Außerordentlichen Kommission), das Amt der Eisenbahn-Gendarmerie inne haben, bringt diesen Plan zum Scheitern. Die Kutscher, meistens Juden, fluchen, drohen und streiten miteinander. Es fallen hebräische Sätze und ich höre nur die Worte aus dem Buche Exodus: ,,Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet still sein". Also, dachte ich bei mir, ist die Thora ein lebendiges Lehrgedicht, das dem Juden auch in dieser Schneewüste, bei der Rettung seines winzigen Menschenschicksals, zur Seite steht. Mir ging ein Licht auf: die alte Geschichte ist im vollen Gange, hat eigentlich nie aufgehört. Nur bedrückte mich das Fehlen des ,»Gelobten Landes", das den Vorfahren und so vielen Piligrimvätern auch in unserer gemeinsamen abendländischen Geschichte als Ziel vorgeschwebt hatte. Nur das ,,Woher" stand klar vor Augen, das „Wohin" verlor sich im Dunkel der Nacht, die jetzt auf einmal hereinbrach. Der Zug, nunmehr durch die angetroffenen Wagen vermehrt, setzte sich endlich in Bewegung. Bald fuhren wir in die breite Straße des Dorfes Tschastliwoe (,,Das Glückliche"), das uns zuerst seinen Namen gar nicht ,so recht bewahrheiten wollte. Das Dorf war wie ausgestorben. Lange liefen wir von einem Hause zum anderen, ohne Einlaß zu finden. Der Frost nahm zu, wir flehten und forderten Einlaß. Möge kommen, was da will! Als wir später in der warmen Bauernstube beim Holzbrenner lagen, verstanden wir die Zurückhaltung der Bewohner des ,,glücklichen" Dorfes. In einigen Stunden erwartete man die Kosakenarmee des bekannten Budjony. Alle jungen Frauen und Mädchen lagen versteckt im Heu, Die Bauern murmelten uns mitleidsvoll zu: „Was sollen wir mit euch machen, wir vermögen diese Nacht nicht für unser eigenes Leben, für unser Hab und Gut zu bürgen, wie sollen wir für euch einstehen. Was soll mit euch, Juden, werden?" — Unser Freund und Reisegefährte Jechiel fand keine Ruhe. Von jedem von uns forderte er: „Gebt mir einen Juden! Einen Juden will ich sehen." — Er meinte natürlich einen heimischen, ansässigen Israeliten. Er, der am meisten stille und furchtsame, war nicht zu halten, er ließ Mutter, Frau und einzigen Sohn bei uns und lief weg, suchte und tappte im Dorf herum. Nach ziemlich langer Zeit kam er angerannt: „Kein Jude im Dorfe, alle getötet oder weggezogen während der ukrainischen Banditenherrschaft!" Und die Kosaken seien schon da, er habe selber Reiter gesehen. — Ganz still wurde es in der Bauernstube, die Wirtin löschte das Licht aus, die Alten bekreuzigten sich, und krächzend murmelten sie vor sich hin: „Schütze, Gott!" Es dauerte nicht lange und die Straße war voll von Kosaken und

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