Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Auszug
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 83 (sequence 7)
- Language
- German
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Auszug 83 Geraubte!" höchst merkwürdige Folgen gehabt. Jedes Dorf hat das Land seines früheren Gutsherrn aufgeteilt, so daß, infolge der Ungleichheit der großen Güter, die einzelnen Dörfer sehr verschieden davon gekommen sind. Infolgedessen liegen nun diese einzelnen Dörfer in arger Fehde miteinander; der Agrarkrieg, der im zaristischen Rußland zwischen Gutsherr und Bauer geführt wurde, ist durch die Revolution nicht beendet, sondern hat nur eine Umstellung erfahren: er wird nun zwischen Dorf und Dorf geführt. Die Bauern erzählen, daß es oft, und zumal an Feiertagen, zu regelrechten Kämpfen kommt. Man holt sich blutige Köpfe und ficht so, wie in uralten Zeiten, sein Recht mit der Faust und dem Spaten aus. Über die Enteignung des adeligen Großgrundbesitzes verliert jedoch keiner ein Wort. Die geschah offenbar zu Recht, so daß niemand deswegen Gewissensbisse empfindet. Mich umstürmen Erinnerungen und Erlebnisse aus den ersten Jugendjahren. In so einem Dorfe habe ich das Licht der Welt erblickt, in einer ähnlichen Bauernwelt ist meine erste Kindheit verflossen und nun stehe ich wieder da. Welche Begegnung, unter welchen sonderbaren Umständen! Dennoch: Wiederkunft des Gleichen. Der Zauber jener märchenhaften Bauernwelt lockt mich an und zugleich schreckt sie mich ab. Mir ist bange vor den weißen Pelzen des undurchdringlichen Bauerndämonismus. Wieder eine Mirage, von der man sich gefangen weiß. Fern ist die große Welt des Strebens und Ringens, weit, weit liegt nun das eigene Leben. Geschwunden ist alle Konvention und selbst die Gefahr, die uns auf den Fersen folgt, hat sich verflüchtigt, auch sie hält inne. Allein sind wir, der Bauer und ich, ich und eine undurchdringliche fremde Welt; wir schauen einander ins Gesicht, ohne davon Nutzen zu ziehen. Natürlich bin ich der Schwächere, der geschlagene Krieger, der sich auf. Treu und Glauben den anderen, Stärkeren nähert. Mir ist es nun um mich selber, um meine Angehörigen, um mein gesamtes Schicksal bange. Ich bin argwöhnisch und furchtsam. Ich klage mich und mein ganzes Leben an, ich will und kann meine Niederlage nicht zugeben. Endlich mache ich eine große Anstrengung, um mich aus diesem Bann von Furcht und Zauberkraft zu lösen: ziehe ganz den Menschen aus, lege alle Kultur und Historie beiseite, wende mich schließlich ab von dieser Welt, und nun regt sich etwas in den Tiefen der Seele, etwas Starkes und Unvermeidliches bemächtigt sich meiner, ein Gefühl der Gotteszuversicht nimmt leise und väterlich von mir Besitz. Dieses ist also der gute Schutzengel auf der gefahrvollen Wanderschaft, so sieht also das Ziel meiner vielverzweigten Lebensfahrt aus! Mit Gottes Hilfe und in Gottes Namen weiter, nur weiter, von dannen! Wieder: weit ausgebreitete Schneewüsten, fast gar kein Wald, und Dörfer, Dörfer ohne Zahl. Wir werden angehalten, die Papiere nachgesehen. Werden gefragt, ob wir nicht unterwegs der Marußja begegnet seien, einem weiblichen Banditenhäuptling, die gegen „Moskowiter, Juden und Kommunisten" auf der Lauer liege. Eine ganze Reiterschar 6*