Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Auszug
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 82 (sequence 6)
- Language
- German
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82 DavidKoigen: seiner großen Fahrt nach dem Heiligen Land. Wir alle nahmen teil an dem merkwürdigen Schicksal des schlichten Mannes. Dann lag RuSyn wirklich hinter uns. — Als es endlich wieder heller Tag wurde, vermißte ich viele Fuhren unseres Zuges. Während der Nacht hatte sich der Zug geteilt und bei uns waren nur drei Wagen geblieben, die jetzt einsam und verlassen mit ganzen Haufen von Schnee kämpften. Völlig erfroren, sehnten wir uns nach einer Ortschaft, wo auch nur Menschen hausen, andererseits aber flößte uns jedes Dorf Furcht und Angst ein. Wie sollen wir da dem „Kombed" (dem sog. Komitee der Armen) und den übrigen bolschewistischen Mächten ausweichen? An die Feindseligkeit der Bauern glaubte niemand unter uns, im tiefsten Innern empfanden wir jene als Menschen, die unserem Vorhaben nur Sympathie entgegenzubringen vermochten. Von solchen; geteilten Gefühlen gequält, näherten wir uns spät am Tage einem verschneiten Dorfe. Der erste Empfang war geradezu beängstigend. Uns entgegen ritten mehrere rote Soldaten. Als sie herangaloppiert waren, hielten wir inne. Zehn durchdringende Augenpaare ruhten musternd auf uns. Ohne ein Wort zu verlieren, tauschten drei Reiter ihre schlechten Wintermützen mit unsern besseren, zwei andere Soldaten stiegen von ihren Pferden ab, die sie auch gleich mit unseren Pferden vertauschten. Das spielte sich in aller Ruhe ab, als ob alles zu Recht geschehe. Ich atmete erleichtert auf. Es waren also keine Banditen, sondern Soldaten, denen jetzt nur die Willkür des Kriegsverfahrens geläufig war. Für sie waren wir Städter, Bürger oder „Burzui", denen der eigentliche Krieg gilt, die aber zur Zeit sich einer Friedenspause erfreuten. Wir gönnten uns nach diesem Erlebnis allerdings keine Ruhepause mehr und erst im benachbarten Dorfe schlugen wir unser zeitweiliges Quartier auf. Die Bauern begegneten uns freundlich und, unsere Fragen vorausahnend, teilten sie uns mit, daß sich in ihrem Orte, Gott sei Dank, gegenwärtig keine Roten aufhielten. Bald umgab uns das gewöhnliche Bild einer ukrainischen .Bauernstube, wie sie unsere Großväter noch gekannt haben. Eine junge Frau sitzt am Webstuhl, irgendwo bei Seite zimmert an einem Ofen der ,,Chosjain" (der Hauswirt) und die „Chosjaika" (Hauswirtin) schafft am Herd. Alle sprechen lebhaft durcheinander und in erster Reihe mit uns Gästen. Es ist ganz anders, wie im Norden, bei den Großrussen, im Kreise der Altgläubigen („Starowjerzy"), wo eigentlich nur der Hausherr das Wort führt und die Angehörigen ehrfurchtsvoll zuhören. Nach einer kurzen Weile wissen bereits die Nachbarn von unserer Ankunft; die Stube ist voll von Neugierigen. - Das Gespräch konzentriert sich wie von selbst auf die Agrarverhältnisse und die allgemeine industrielle Verarmung. Man müsse wieder zum Webstuhl und zum Holzbrenrier („Lutschina") zurückkehren. Wie einst, zu Zeiten der Haidamaken, steht das Salz ifn Mittelpunkt der haushälterischen Sorgen. Auch bei der Bodenverteilung hat die bolschewistische Forderung: „Raubt das