Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Auszug
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 81 (sequence 5)
- Language
- German
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Auszug 81 saß nie auf „Podoll", wenn auch er in seinen jungen Jahren die „Smicha" (die rabbinische Autorisation) erworben hatte, Aristokrat von Geblüt und Seele, wurde er von selbst die zentrale Figur von Rugyn. Unbemerkt, ganz ohne Absicht, baute und verwaltete er Mühlen und beschenkte das Städtchen mit elektrischem Licht, Für die eigenen Gesinnungsgenossen richtete er ein hebräisches Gymnasium auf. Es scharten sich um ihn sowohl Bauern wie Juden. Der Gang durch das Städtchen dieses äußerlich unansehnlichen, stillen Menschen gestaltete sicli "zu einem Triumphzug. Es haben schon reichere, gelehrtere und glücklichere Menschen in Ruzyn gelebt, allein die Tradition des „Riziner" nahm man erst zur Zeit Jechiels wieder auf. Und als es bekannt wurde, daß, einem inneren, verborgenen Wunsche gehorchend, Jechiel, Hab und Gut verlassend, nach Zion ,,hinauf" wolle, da erhoben sich viele Familien aus den benachbarten Städtchen und Flecken. In wenigen Tagen standen elf Fuhren bereit, mit weißer Leinwand bedeckt, deren Besitzer alle mit wollten. Bauern, bolschewistische Würdenträger und die zurückgebliebenen Juden, alle kamen sie, um Jechiel bei seiner großen Fahrt behilflich zu sein. Nun bekam auch ich zu sehen, welche ekstatische Erschütterung dem eigen sein kann, dessen Lebenswerk sich nur im Schaffen und Geben äußert. In wenigen Tagen war der Besitz Jechiels in Geld verwandelt, dessen größerer Teil unter die Zurückgebliebenen verteilt wurde. Für jeden wurde ernsthaft gesorgt. Die Scheidungsstunde kam. Drei Uhr nachts. Klein und Groß war im Hause von Mariam-Leie — der „Zionsmutter" des Städtchens, die es verstand, Kühe zu melken, Kants, Immanuel Kants Werke im Original zu lesen und die Beichtmutter aller schweren Herzen zu sein. In dieser späten Nachtstunde standen,wir alle tief erschüttert im Kreise um Mariam-Leie herum. Mit unsern Branntweingläsern trank man Jechiel „Le chaim" zu. „Le chaim, Jechiel", sagten selbst Bauern ihrem treuen Menschen nach. Jechiel war der letzte, der in einen der elf Wagen stieg. Aus dem Dunkel der Nacht wagten sich Sterne hervor. Ich ver gaß alle Gefahr, blickte zu den Sternen hinauf, sah unten den weißen Zug der Auswanderer und eine alte, längst verklungene Weise tauchte aus den Tiefen auf. Wie herrlich sind deine Gezelte, Jakob! Der Zug setzte sich zögernd in Bewegung. Ruzyn lag schon hinter uns. Schwarze Schatten der merkwürdigen Nacht umschlangen uns. Wir vertrauten uns Gott und der Stille an, jeder ging dem eigenen Schicksal nach. Da — plötzlich schrecken wir auf, zwei Reiter jagen uns nach, sie sind schon ganz nahe bei uns. Der Zug hält an! Wir horchen auf: „Jechiel, fürchte dich nicht, Jechiel! Das sind wir, die Miliz der Sowjetmacht. Reise nur in Frieden, wohin dein gutes Herz dich zieht. Jechiel, sprich nur ein Wort, gib nur einen Wink, und die Granate, die ich in der Hand halte, platzt dir zu Ehren! Du willst nicht? — Dann erlaube doch ein paar Salutschüsse aus der Flinte!" Es kamen ein — zwei Schüsse. Die Sowjet-Ukraine salutierte dem edlen Menschen auf Hefts. 6