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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 80

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 2
Article
Auszug
Date
1921-01-01
Page
80 (sequence 4)
Language
German
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8o David Koigcn: wohner dieser winzigen Judenstädtchen bis aufs Haar einander gleich. Diese Einerleiheit im Bau der Städtchen, im Aussehen der Menschen, in ihrer Lebensführung drückte wie ein Alp auf die Seele und man sehnte sich weit, weit fort, ohne je an die Rückkehr zu denken In späteren Jahren, auf meiner vielverzweigten Wanderschaft, begegnete ich den Scharen der Kantonisten aus den Judenstädtchen, draußen in der großen Welt der Kämpfe und des Lebens. Eines Tages aber entdeckte ich J e s s i k a. Der Treubruch an ihrem stets um sein Menschenrecht besorgten Vater war schon vollzogen. Keiner der Kantonisten war frohen Mutes, und die Trauer in Jessikas Augen saß jetzt tiefer als zuvor. Man murmelte etwas von „Rückkehr", und das einst verlassene Städtchen begann sich in wehmütig-warme Farben zu hüllen, die es eigentümlich verklärten. Im Städtchen selbst aber, das also in der Welt der Kantonisten aufs neue entdeckt wurde, regte sich eigenes Leben. Die Schwachen und Gebrechlichen stellten sich gerade als die Starken und Bodenständigen heraus. Damals, als die blinde Hand der Kriegsführer sie all ihres Habs und Guts beraubte und in Scharen in die Fremde trieb, und auch nachher, als die Skythen, in die bunte Tracht historisch-völkischer Ideologien gekleidet, sie zu Hunderttausenden marterten, damals zeigte sich, wes Geistes Kind der von der Mode geächtete kleinstädtische Jude ist. Sein Unglück war es nur, daß er aus dem Städtchen unmittelbar in das Getriebe zuerst der Kriegs- und nachher der Revolutionswirtschaft hineingestürzt wurde. Und auch dort hat er sich als Anreger und als Organisationskraft höchsten Ranges bewährt. Aber gerade diese Gaben hat man ihm natürlich in der Folge vorgeworfen. Das Städtchen ist anders und bedeutet mehr, als es uns in unseren Jugendjahren erschien. Größer als seine Erdhaftigkeit ist sein symbolischer Wert. Jedes von ihnen bewahrt in sich die Erinnerung an irgend einen Zaddik und ist von einem sonderbaren Legendenkranz umwoben. Auch in Rusyn saß einmal der „Rainer Rebbe". Man zeigte mir das kleine Häuschen mit der hölzernen Treppe auf dem schmutzigen Marktplatz, wo er residierte. Und die Menschen drüben haben etwas vom Geist des „Riziner" in sich und sind bei weitem nicht einander gleich. Frauen und Männer großen Formates traf ich dort, Menschen, die in sich Geschichte tragen und ein eigenes Schicksal bekunden. Diese sind nicht einmal vor den Skythen zurückgeschreckt, und wenn auch sie damals das Städtchen verließen, so geschah es vermöge einer inneren Nötigung, um einem jahrelang gehegten Ideale die Treue der Erfüllung halten zu können. / Es geht in der Menschenwelt barbarisch zu. Gerade die Namen jener? wahrhaft großen Menschen werden nicht genannt. Weil sie ja kein» Schönredner sind, lassen sie sich in Parteikomitees nicht wählen, und iL sie keine Skythen sind, führen sie keinen Degen in ihrer Rechten. Zurln Teufel mit allen Moden des Ruhmes — wenigstens einen von den Verborgenen will ich bei Namen nennen. Jechiel Rabinowitscjh

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