Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Auszug
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 79 (sequence 3)
- Language
- German
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Auszug 79 fleht um Mitleid und Nachsicht. Es wurde mir traurig zumute, und mit allen möglichen und unmöglichen Ausweisen versehen, stolperte ich heim. Großer Gott, soll denn das Ghetto nie ein Ende nehmen? An einem wunderschönen Wintertag, um fünf Uhr früh, schob ich einen mit Sachen beladenen Karren, den die Kiewer verächtlich „Trotzkis Equipage" nannten, dem Bahnhofe entgegen. Meine Frau sagte traurig zu mir: „So zogen die Juden aus Ägypten". Nur mein achtjähriger Junge freute sich riesig, daß wir nun den bolschewistischen Pharao überrumpelt hätten. Als wir bereits in dem Eisenbahnwagen saßen, der sonst für das liebe Vieh bestimmt war, fanden wir die Welt so schön und gut. Das Joch, das uns drückte, wollte sich heben, und ich fühlte, wie wir uns aus „Verschwörern" wider die staatskommunistische Knechtung allmählich in Auswanderer wandelten. Nach drei Stunden wurden wir jedoch daran erinnert, daß wir Flüchtlinge waren. Wir warteten nämlich einen halben Tag auf einer Station, bis uns ein anderer Militärzug, der mit geschmuggelten Waren vollbeladen war, aufnahm. Soldaten suchten sorgfältig die Wagen ab, wir aber lagen im Dunkeln hinter Kisten verborgen. Es fand sich ein verkappter „Genosse", der wortlos verstand, wie uns zu helfen sei. Seine Mitgefährten sympathisierten schweigend. Als es Abend wurde, verließen wir die guten Menschen, um von nun an, während drei langer Wochen, die Eisenbahnstrecken umgehend, im Fuhrwerk im Schnee und Frost gegen 320 Werst zurückzulegen. Meine Familie und der Freundeskreis, der sich uns angeschlossen hatte, saßen die Nacht hindurch in einer Schenke. Beim Tagesanbruch klopfte der von uns bestellte Bauer: „Eh, Spekulant! (Spekulanten), seid ihr bereit?" Wir verstanden, daß er uns meinte. Der ukrainische Bauer ist während der Revolution so weit fortgeschritten, daß er den Kaufmann in „Spekulant" umtaufte, ohne dabei aber etwas Arges zu meinen. Und wir waren in seinen Augen solche „Spekulanten". In einigen Stunden langten wir in dem Städtchen Ruzyn an, wo unserer viele Flüchtlinge warteten. Erst dort sollte sich ein regelrechter Auswandererzug bilden. In der folgenden Zeit lernte ich jene winzigen ukrainischen Judenstädtchen genauer kennen, deren Peripherie aus einem Kranz bäuerlicher Ansiedlungen besteht. In früheren Jahren war mir immer sehr traurig zu Mute gewesen, wenn ich an jene Städtchen zurückdachte. Sie kamen mir so verlassen und einsam vor, ich witterte immer nur die gegenseitige Feindschaft zwischen den so verschiedenen Völkern, die sie be-. wohnen, wenigstens ihre gegenseitige Abneigung, die nur von Zeit zu Zeit durch ein wenig Humor und Scherz von beiden Seiten gemildert wird. Wie hält er das nur auf die Dauer aus, dieser „schwache", „gebrechliche" Sohn Israels? Wie erträgt der an Naturrausch und Menschenbuntheit gewöhnte Chochol den Juden mit seinem fremdländischen Puritanismus, wie nur die südliche Beweglichkeit der Männer und die ewige Trauer in den Augen der Frauen? Mir wollte das Herz brechen! Dabei schienen mir lange Jahre hindurch alle Be-