Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Auszug
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 78 (sequence 2)
- Language
- German
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78 David Ko igen: Flucht aus Kiew erwog, sprachen mir wildfremde Menschen ihre Verwunderung darüber aus, daß sie mich noch in der Stadt sähen. Es galt vor allem, den magischen Kreis, den die „Außerordentlichen Institutionen" der bolschewistischen Macht um unser Leben und unsere Stadt gezogen hatten, zu durchbrechen. Deshalb schlich ich mich in den Bahnhof hinein, um die Überzeugung von dem Vorhandensein einer Eisenbahn, die ich gegen zwei Jahre nicht zu sehen bekommen hatte, wieder zu gewinnen. Güterwagen, die man mit Vieh zu beladen pflegte, waren da. Auch einige Passagiere waren da: Soldaten, Bauernspekulanten und Kommissare. Nun galt es, uns* mit Zeugnissen zu versehen, die das Recht verliehen, den eisernen Kreis zu durchbrechen. Ich kam um einen zweiwöchigen Urlaub beim zuständigen Kommissariat für Volksbildung ein mit der Begründung, in der Provinz Komitees zur Erforschung der Revolution und Gegenrevolution gründen zu sollen. Soweit war alles in bester Ordnung — nur genügte der Grund nicht ganz. —■ „Ich muß meine notleidende Familie nach der Stadt Umanj bringen". — „Wir leiden ja alle Not." —- Auch dies Argument versagte also, ebenso die Berufung auf irgendwelche Imponderabilien. — „Als Hochschullehrer sind Sie ja mobilisiert, Sie sind Soldat." — „Aber ich muß, um mich in Ruhe dem Lehramt widmen zu können, ohne meine Frau sein!" Der Kommissar blinzelte mit den Augen. Nun hatte er verstanden, dies neue Argument ließ er gelten. „Sie wollen Ihre Frau los werden, d.h. sich scheiden lassen." Oh — er sympathisiere mit mir. — Ein Freund, der mitgekommen war, versetzte mir einen Fußtritt. Ich begriff und murmelte etwas Unverständliches, Zweideutiges vor mich hin. Nach zwei Wochen des Hin- und Herlaufens blieb mir noch übrig, den letzten Gang zur „Außerordentlichen Kommission der roten Armee" zu machen. Drei Tage nacheinander froren wir vor dem verrufenen Gebäude. Zwei Soldaten „sortierten" fortwährend das verehrte Publikum und ein früherer kleiner Kommis aus Berditschew, der „Türhüter der Außerordentlichen", lief herum und schrie hysterisch hinaus: „Was wollt ihr alle von mir, ich bin nur ein einzelner Mensch. Zurück, zurück, ihr, Genossen, seht ihr denn nicht, daß ich ein armer, einzelner Mensch bin. Die Sowjetmacht weiß schon, was sie tut. Sidorow, treibe sie alle auseinander, keiner fährt, es fährt nur die Arbeiter- und Bauernmacht. Ah, Sie, Genosse Professor, ja, ja, ich kenne Sie schon. Den dritten Tag stehen Sie da. Bei uns steht man bisweilen zehn Tage und man bleibt in Kiew. Kiew ist eine schöne Stadt. Ach, was schreit Ihr alle? Meine Nerven vertragen es nicht mehr. Was kann ich dafür. Ich bin nur ein einzelner Mensch". — Als ich durch den Druck des Publikums in das Allerheiligste der „Außerordentlichen" hineingedrängt wurde, lachte ich aus vollem Herzen. Ist es möglich? Hat der Dichter des „Rabbi von Bacherach" so scharf und deutlich gesehen? Vor zwei, drei Generationen hütete der „einzelne Mensch" das Tor des Frankfurter Ghettos und jetzt steht er wieder da, der Gleiche, und