Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Das Oktroy der jüdischen Emanzipation
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 76 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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76 Oskar Karbach: Das Oktroy der jüdischen Emanzipation daß diese sich zu Angriffen gegen die neue Rechtsstellung der jüdischen Gruppe veranlaßt sah. Es ist klar, daß diesen Argumenten ausschlaggebende Bedeutung nicht zukommt. Denn Wesen und Qualitäten der Juden waren durch Jahrhunderte nachweisbar wohlbekannt und nicht allzu freundlich beurteilt, so daß es nicht angeht, dem Überraschungsmomente nach ihrer erfolgten Gleichberechtigung eine so überragende Rolle zuzuweisen und darauf das auffallende Phänomen der Unterbrechung einer begonnenen Entwicklung zurückzuführen. Man muß sich eben daran erinnern, daß dieselbe Epoche, ja dieselben Verfassungsurkunden den Juden, wie den breiten Schichten der Bevölkerung ganz gleichzeitig die Erweiterung ihrer staatsbürgerlichen Rechte brachten und daß somit im selben Momente für alle eine Zeit der Entfaltung und d£r Expansion kam; es kennzeichnet das oberflächliche Urteil in dieser Frage treffend, daß man eine in ihrer Zusammensetzung während all dieser Ereignisse ganz homogene Masse von ,,Mitbürgern" anzunehmen beliebte, die gewissen geistigen Strömungen unterworfen sein soll, unter deren Eindruck sie bald gütig Rechte gewährt, bald diese gehässig bestreitet. Die im liberalen Sinne immer angestrebte Betonung des allgemein-demokratischen Charakters der jüdischen Emanzipation verhindert so die Erkenntnis der tiefgreifenden Wandlungen und Gegensätze in der Struktur, nicht bloß der Mentalität desjenigen Kreises, der als Partner der Juden, d. h. als maßgebender politischer Faktor in Frage kommt. Allmählich greift nun das Volk tatsächlich ein; die Ablehnung der Lösung der Judenfrage, die es als Resultat der letzten Jahre angebahnt findet und die auf der ihm unverständlichen Zugrundelegung der Assimilationsidee, d. i. der Fiktion der nationalen Gleichartigkeit der Juden beruht, muß sich, da nunmehr Emanzipation utid Assimilation in verhängnisvoller Weise schon untrennbar verkoppelt sind, in einer Stimmung geltend vmachen, die man als ,,antisemitisch" bezeichnet hat. Es ist aber eine Verkehrung der Tatsachen, daß die breiten Massen zum ,,Antisemitismus", d. h. zum Widerspruch gegen die vorgefundene Form der Behandlung der jüdischen Frage erst hätten aufgehetzt werden müssen. Zweifellos hat die politische Agitation dieser Ablehnung erst ihre besondere Schärfe verliehen und sie insbesondere auch gegen die gesetzlich fixierte Stellung der Juden gelenkt: aber die Vorstellung des Judentums als eines rein religiösen Begriffes, der praktisch erst die bedeutende Expansion der Juden ermöglichte, war zu jeder Zeit den breiten Massen unzugänglich, fremdartig und daher odios. So wurde der Antisemitismus nicht erst durch politische Drahtzieher neu erweckt, sondern durch das Aufsteigen neuer, ihm allzeit in großem Maße ergebener Schichten f r e i. Alle Strömungen, die auf den Mann aus dem Volke zugeschnitten sind, liebäugeln daher von Anfang an mit dem Antisemitismus, der immer gleich als ein Lockmittel, eine Konzession an den Geschmack der Menge, also an eine schon vorher bestehende Mentalität auftritt. Unsere Sozial-